Die Übung

Der Body Scan

Der Reihe nach durch den Körper gehen und wahrnehmen, was da ist, ohne etwas verändern zu wollen. Das ist die erste Übung im MBSR-Kurs und die längste. Hier steht, worin sie besteht, warum sie so lange dauert, was dabei typischerweise geschieht - und was sie nicht ist.

Wonach sich die Aufmerksamkeit im Körper verteilt Zwei Balkenreihen zeigen, wie viel Zeit die Aufmerksamkeit an zwölf Körperstellen verbringt. In der oberen Reihe bestimmt der Körper die Verteilung: Eine einzelne Stelle, die sich deutlich meldet, bekommt fast die gesamte Zeit, alle anderen Balken bleiben flach. In der unteren Reihe bestimmt die Anleitung die Verteilung: Alle zwölf Balken sind gleich hoch, auch dort, wo gerade nichts zu spüren ist. WIE VON SELBST Wo es sich gerade meldet Zeit dort die eine laute Stelle Der Rest bleibt fast unbemerkt. IM BODY SCAN Der Reihe nach, Stelle für Stelle Zeit dort auch hier, wo nichts ist Gleich viel Zeit, egal was dort ist.
Der Unterschied liegt nicht darin, was im Körper vorgeht, sondern darin, wer die Zeit verteilt. Von selbst geht die Aufmerksamkeit dorthin, wo sich etwas meldet. Im Body Scan gibt die Anleitung die Reihenfolge vor - und stille Stellen bekommen denselben Platz wie laute.

Der Body Scan stellt keinen Zustand her. Er führt die Aufmerksamkeit in einer festen Reihenfolge durch den Körper - und was dabei auftaucht, ist der Gegenstand der Übung, nicht ihre Störung.

Die Übung

Der Reihe nach durch den Körper

Du liegst auf dem Rücken, die Augen kannst du schließen. Eine Stimme führt die Aufmerksamkeit durch den Körper: erst der linke Fuß mit Zehen, Fußsohle, Fußrücken und Ferse, dann über das Fußgelenk den Unterschenkel entlang, Knie, Oberschenkel. Danach dasselbe rechts. Weiter über Gesäß und Becken in den unteren Rücken, den Rücken hinauf, dann Bauch, Brustkorb, Schultern, die Arme hinunter bis in die Hände und wieder zurück. Zuletzt Hals, Kiefer, Mundraum, Gesicht, Kopfhaut - und der Körper als Ganzes.

An jeder Station steht dieselbe Frage: Was ist hier gerade wahrnehmbar? Temperatur, Kribbeln, Pochen oder Ziehen, vielleicht auch nichts Besonderes. Nichts wird dabei gelockert, weggeatmet oder korrigiert. Es gibt keine Stelle, die anders sein soll, als sie ist.

Die Reihenfolge steht fest

Sie kommt aus der Anleitung, nicht aus dem Körper. Auch Stellen, an denen gerade nichts los ist, bekommen ihren Platz - genau darin unterscheidet sich die Übung vom alltäglichen Hineinhorchen.

Nichts wird verändert

Wahrnehmen ist die ganze Aufgabe. Wer eine verspannte Schulter findet, muss sie nicht lösen. Sie zu bemerken ist bereits die Aufgabe. Ob sie sich dabei löst oder nicht, ist keine Note.

Auch „nichts“ ist eine Wahrnehmung und keine Fehlanzeige. In den Anleitungen steht dafür ein eigener Satz: „Vielleicht auch gar nichts - dann nimm das wahr.“ Er steht dort, weil in Kursen sonst regelmäßig der Schluss gezogen wird, an einer stummen Stelle etwas falsch gemacht zu haben.

Der Ort im Kurs

Warum er am Anfang steht - und warum so lang

Im Achtwochenkurs ist der Body Scan die Hausübung der ersten Wochen, täglich. Das hat einen schlichten Grund: Der Körper ist immer da. Die Übung braucht keine besondere Stimmung, keinen ruhigen Kopf und keine Vorerfahrung. Wer sich hinlegt, hat den Übungsgegenstand schon dabei. Und im Liegen entfällt die Frage nach der richtigen Sitzhaltung, die am Anfang viel Aufmerksamkeit bindet.

Dazu kommt, dass Körperempfindungen greifbarer sind als Gedanken. Zehen, Ferse, Kiefer: Das sind Adressen, die man ansteuern kann. „Beobachte deine Gedanken“ ist als erste Anweisung deutlich schwerer zu befolgen.

Die übliche Dauer liegt bei 30 bis 45 Minuten. Diese Zahl ist kein Studienergebnis. Jon Kabat-Zinn hat sie aus der eigenen Meditationspraxis übernommen und später selbst als Intuition beschrieben. Woher die Empfehlung stammt, wie viel tatsächlich geübt wird und was kürzere Formate leisten, steht in Die Übung, die nicht stattfindet.

Was die Dauer in der Übung tut, lässt sich beschreiben, ohne etwas zu versprechen: In fünf Minuten kommt die Aufmerksamkeit vor allem dorthin, wo ohnehin etwas los ist. Über eine halbe Stunde kommt sie überall hin, auch an die stummen Stellen. Und sie bleibt lange genug, dass Müdigkeit, Unruhe und Langeweile überhaupt auftauchen. Genau davon handelt der nächste Abschnitt.

Was passiert

Einschlafen, Unruhe, nichts spüren, Langeweile

Vier Erfahrungen kommen in Kursen so regelmäßig vor, dass sie fast zum Ablauf gehören. Sie sehen aus wie ein Scheitern der Übung. Sie sind ihr Material.

Einschlafen

Liegen, geschlossene Augen, eine ruhige Stimme, oft am Ende eines langen Tages. Dass dabei jemand wegdämmert, ist erwartbar. Interessant ist der Übergang: der Moment, in dem du merkst, dass du gerade weggerutscht warst. Dieses Bemerken ist die Übung, nicht das Wachbleiben.

Wer regelmäßig einschläft, kann die Augen offen lassen, sich aufsetzen oder zu einer anderen Tageszeit üben. Das ändert die Wachheit, nicht die Übung.

Unruhe

Der Impuls, sich zu bewegen, sich zu kratzen, aufzuhören. Auch das ist etwas, das wahrgenommen werden kann: Wo im Körper zeigt sich die Unruhe gerade, und was macht sie, wenn du sie eine Weile beobachtest, statt ihr sofort zu folgen?

Das ist keine Aufforderung, sich nicht zu bewegen. Wer sich bewegt, kann das ebenso bemerken - der Unterschied liegt darin, ob es unbemerkt passiert oder nicht.

Nichts spüren

Viele Stellen melden nichts: der Unterarm, der obere Rücken, ein Oberschenkel. Das ist weder ein Mangel an Feingefühl noch ein Fehler in der Ausführung. Die Anleitung sieht diesen Fall ausdrücklich vor, und die Feststellung „hier ist gerade nichts“ ist eine Wahrnehmung wie Wärme oder Druck.

Langeweile

Eine halbe Stunde am eigenen Fußgelenk ist nicht spannend. Langeweile hat dabei selbst einen Ort und eine Färbung: eine Enge, ein Drängen, ein Zug zum Aufstehen. Sie wird nicht ausgehalten, um etwas zu beweisen, sondern weil das Wegschalten sonst so selbstverständlich bleibt, dass man es nie bemerkt.

Was diese vier verbindet: Sie tauchen auf, weil die Übung lang ist und nichts zu erreichen vorgibt. Wer sie wegbekommen will, hat aus dem Body Scan wieder eine Leistung gemacht - und damit genau das eingeführt, was er gerade nicht enthält.

Verwechslungen

Was der Body Scan nicht ist

Keine Entspannungsübung. Progressive Muskelentspannung und autogenes Training stellen einen Zustand her. Sie haben ein Ziel, und am Ende lässt sich sagen, ob es erreicht wurde. Der Body Scan hat dieses Ziel nicht. Entspannung kann dabei vorkommen, sie ist dann eine Beobachtung wie Anspannung auch, kein Erfolgsmaß. Der Unterschied wird praktisch in dem Moment, in dem jemand angespannt bleibt: Mit dem Entspannungsziel ist die Übung misslungen, ohne es ist sie einfach gelaufen.

Kein Absuchen nach Befunden. Es geht nicht darum, den Körper daraufhin durchzugehen, ob irgendwo etwas nicht stimmt. Wer mit dieser Absicht startet, findet zuverlässig etwas, denn jeder Körper hat ständig irgendwo eine Empfindung. Die Aufgabe ist wahrnehmen, nicht beurteilen, und schon gar nicht diagnostizieren.

Keine Einschlafhilfe. Die Aufnahme abends laufen zu lassen, um schneller einzuschlafen, macht aus der Übung ein Mittel zum Zweck - und stellt damit genau die Absicht her, die das Einschlafen erschwert. Warum das so ist, steht in Wenn der Kopf nachts weiterläuft.

Kein Test. Am Ende steht kein Ergebnis. Es gibt keinen Vergleich mit anderen und keine Antwort auf die Frage, ob es richtig war. Wer den ganzen Durchgang über abgeschweift ist und das dreimal bemerkt hat, hat die Übung gemacht.

Die Brücke zur Praxis

Was dabei tatsächlich geübt wird

Der Körper ist hier ein Anker, mehr nicht. Geübt wird die Bewegung, die immer gleich bleibt: ausrichten, bemerken, dass die Aufmerksamkeit abgewandert ist, zurückkommen. Dieselbe Bewegung übt die Atemmeditation am Atem und die Gehmeditation an den Schritten. Warum der Ankerplatz austauschbar ist und die Bewegung nicht, steht mit Abbildung in Was ist Aufmerksamkeit?

Das Besondere am Body Scan ist die feste Reihenfolge. Aufmerksamkeit folgt sonst dem, was sich meldet - einem Geräusch, einer Sorge, einem Körpersignal. Die Anleitung gibt ihr für eine halbe Stunde ein anderes Ziel vor, und zwar auch dort, wo nichts wartet. Das ist der Punkt, den die Abbildung oben zeigt.

Grenzen

Wann er nicht die passende Übung ist

Der Body Scan bringt die Aufmerksamkeit nach innen: liegend, mit geschlossenen Augen, über eine lange Zeit. Das ist nicht in jedem Zustand die passende Anordnung.

Bei hoher Erregung

Wer ohnehin alarmiert ist, findet im Körper reichlich Belege dafür. Dann ist ein Anker außerhalb passender: Augen offen, ein Punkt im Raum, Geräusche, die Füße am Boden, ein paar Schritte. Der Vorgang bleibt derselbe, nur der Ort ändert sich. Mehr dazu im Toleranzfenster.

Wenn der Körper der schwierige Teil ist

Nach belastenden Erfahrungen kann die Körperwahrnehmung selbst das sein, was schwerfällt. In der traumasensiblen Achtsamkeitsarbeit wird die Übung dann angepasst: kürzer, im Sitzen, mit offenen Augen, mit einem Anker außerhalb des Körpers. Das ist eine praxisorientierte Empfehlung, deren Passung individuell verschieden ist.

Unerwünschte Wirkungen kommen beim Üben vor, und sie treten überwiegend in der ganz normalen täglichen Übung auf, nicht an besonderen Kurstagen. Was dazu bekannt ist und was dann hilft, steht in Auch Üben hat Nebenwirkungen. Wer mit anhaltenden Schmerzen übt, findet die Einordnung dazu in Der Schmerz und das Leiden daran.

In einem begleiteten Kurs gehört das Sprechen darüber dazu. Das ist oft der Unterschied zwischen einer schwierigen Übungsstunde und einer, die nachwirkt.

Diese Seite informiert - sie ersetzt keine Beratung, Diagnose oder Behandlung.

Einordnung

Wie gut belegt ist das?

Dieser Artikel beschreibt eine Übung. Er behauptet nicht, dass sie etwas bewirkt - und dafür gibt es zwei sachliche Gründe.

Untersucht sind Programme, keine einzelnen Übungen. MBSR ist als Achtwochenkurs geprüft worden, mit allem darin: Body Scan, Sitzmeditation, achtsame Bewegung, Gruppe, tägliche Hausübung. Was davon auf den Body Scan entfällt, lässt sich aus solchen Studien nicht herauslösen. Eine breite Übersichtsarbeit über Meditationsprogramme fand die solidesten Belege für Angst, Niedergeschlagenheit und Schmerz, schwächere für Stress und Belastung - und zwar jeweils für das Programm als Ganzes.

Ausgerechnet der naheliegende Wirkweg ist der schwächste. Nach dem verbreiteten Modell der vier Wege trainiert der Body Scan den zweiten: die Körperwahrnehmung. Genau dieser Weg ist am dünnsten belegt. Meditierende berichten eine feinere Körperwahrnehmung, doch in objektiven Tests - etwa dem Zählen des eigenen Herzschlags - schnitten sie nicht besser ab als andere. Wer also sagt, der Body Scan wirke über eine verbesserte Körperwahrnehmung, sagt mehr, als der Befundstand hergibt.

Woher die Übung kommt, ist dagegen klar: Sie stammt aus dem Programm, das Jon Kabat-Zinn ab 1979 am Universitätsklinikum von Massachusetts aufbaute. Die erste Veröffentlichung von 1982 nennt sich selbst „uncontrolled“ und hatte keine Vergleichsgruppe. Sie belegt die Herkunft des Verfahrens, nicht seine Wirkung.

Daraus folgt kein Einwand gegen das Üben. Dass ein Mechanismus noch nicht feststeht, heißt nicht, dass die Übung nichts taugt - es heißt, dass man sie beschreiben und nicht bewerben sollte. Was der Body Scan tut, ist nachprüfbar: Er richtet die Aufmerksamkeit nach einer Reihenfolge aus und lässt sie dort, wo laut nichts los ist. Was er darüber hinaus bewirkt, bleibt offen.