Grenzen & Nebenwirkungen

Auch Üben hat Nebenwirkungen

Achtsamkeit gilt als sanft und risikoarm. Das ist die halbe Wahrheit. Wer die Aufmerksamkeit nach innen richtet, findet dort nicht nur Ruhe. Unangenehmes gehört für viele dazu, und für wenige bleibt etwas länger. Wie häufig das ist, weiß niemand genau. Das ist kein Nebensatz, sondern der ehrlichste Befund zu diesem Thema.

Unangenehme Erfahrungen beim Meditieren sind häufig und meist kurz, anhaltende Beeinträchtigungen sind selten - und wie oft beides vorkommt, hängt vor allem davon ab, wie genau danach gefragt wird.

Die Bandbreite

Was überhaupt vorkommt

Die Bandbreite ist inzwischen ordentlich beschrieben. Eine Interviewstudie mit 60 erfahrenen buddhistischen Meditierenden hat 59 Arten von Erfahrungen gesammelt und in sieben Bereiche sortiert: Denken, Wahrnehmung, Gefühl, Körper, Antrieb, Selbstgefühl und soziales Erleben. Dieselbe Liste wurde später zu einem Interview umgebaut und nach einem achtwöchigen Achtsamkeitskurs eingesetzt. Vier von fünf Kategorien tauchten dort wieder auf.

Konkret heißt das: Unruhe und Anspannung. Angst. Alte, belastende Erinnerungen, die von selbst hochkommen. Ein verändertes Körpergefühl. Das Gefühl, neben sich zu stehen oder weit weg zu sein. Schlaf, der schlechter wird statt besser. Gefühle, die entweder viel stärker anklopfen oder auffällig flach werden.

In den USA wurden 434 Menschen mit Meditationserfahrung befragt, ausgewählt nach Alter, Geschlecht und Herkunft so, dass die Gruppe der Bevölkerung entspricht. Am häufigsten genannt wurden Angst (27,0 Prozent), das Wiedererleben belastender Erinnerungen (25,8 Prozent) und eine erhöhte emotionale Empfindlichkeit (22,8 Prozent).

Wichtig ist eine Unterscheidung, die in der Forschung erst spät gezogen wurde: Nicht alles Unangenehme ist ein Schaden. Vieles ist kurz, wird eingeordnet und geht vorbei. Manches wird im Rückblick sogar als hilfreich beschrieben. Erst wenn etwas belastet, den Alltag einschränkt oder bleibt, ist von einer unerwünschten Wirkung im engeren Sinn die Rede.

Beides kommt bei Menschen vor, die gerade anfangen, und bei Menschen mit jahrelanger Übung. Es ist nichts, was erst nach langer Praxis auftaucht.

Häufigkeit

Wie häufig? Die Zahl hängt an der Frage

Hier ist Vorsicht geboten, und zwar mehr als bei fast jedem anderen Thema auf diesen Seiten. Die aktuellste Übersichtsarbeit des Feldes fasst den Stand in zwei Spannen zusammen: 25 bis 87 Prozent der Menschen, die meditieren, berichten unerwünschte Wirkungen. 3 bis 37 Prozent berichten, dass etwas davon in ihren Alltag hineingewirkt hat.

Mit einer Spanne von 25 bis 87 Prozent lässt sich nichts anfangen, solange man nicht weiß, woher ihre Ränder kommen. Sie kommen aus derselben Studie.

Dort übten 82 Menschen ohne Meditationserfahrung 21 Tage lang. Während dieser drei Wochen wurden sie mehrmals täglich gefragt, wie es ihnen gerade geht. Als unerwünschte Wirkung zählte jeder Moment, in dem sich ein Wert gegenüber dem eigenen Ausgangsniveau nach einem statistischen Maßstab verlässlich verschlechtert hatte. 87 Prozent hatten mindestens einen solchen Moment, am häufigsten eine ängstliche Stimmung. Dieselbe Gruppe wurde danach daraufhin angesehen, bei wem im Alltag nach dem Kurs eine Verschlechterung geblieben war: 25 Prozent. Die Autoren halten selbst fest, dass die kurzen Momente während der Übung vermutlich kein Schaden sind. Und dass genau diese Momente nicht vorhersagten, bei wem später etwas blieb.

Die weiteste Spanne des Feldes stammt also nicht aus Studien, die sich widersprechen. Sie stammt aus einer einzigen Gruppe, zweimal verschieden gemessen.

Ordnet man die veröffentlichten Zahlen nicht nach Studien, sondern danach, wie gefragt wurde, wird das Muster deutlich:

  1. Gar nicht aktiv gefragt

    3,7 %

    Eine systematische Übersichtsarbeit über 45 Jahre wertete 83 Studien mit 6.703 Meditierenden aus. In den experimentellen Studien lag die zusammengefasste Häufigkeit bei 3,7 Prozent. Diese Studien haben überwiegend abgewartet, ob jemand von sich aus etwas erzählt, oder nur sehr eng gefasste schwere Ereignisse erfasst. In den Beobachtungsstudien derselben Übersichtsarbeit, die häufiger ausdrücklich nachgefragt haben, waren es 33,2 Prozent. Über alle Studien zusammengefasst 8,3 Prozent, bei sehr großer Streuung.

  2. Eine einzige allgemeine Frage

    26 bis 32 %

    „Gab es besonders unangenehme Erfahrungen im Zusammenhang mit dem Meditieren?“ In einer internationalen Befragung von 1.232 regelmäßig Meditierenden sagten 25,6 Prozent Ja. In einer US-Befragung von 434 Menschen mit Meditationserfahrung waren es 32,3 Prozent, in einer nach Alter, Geschlecht und Herkunft bevölkerungsnah zusammengesetzten US-Befragung von 886 Meditierenden 31,4 Prozent.

  3. Eine Liste, jede Erfahrung einzeln abgefragt

    50 bis 83 %

    Dieselben 434 Menschen, elf einzelne Beschwerden nacheinander: 50,0 Prozent. Dieselben 886 Menschen, eine Liste mit zehn häufigen unerwünschten Wirkungen: 78,3 Prozent; eine längere Liste mit 30 ungewöhnlichen Erfahrungen, von denen mindestens eine als negativ bewertet wurde: 58,4 Prozent. Und 96 Personen drei Monate nach einem achtwöchigen Kurs, 44 Erfahrungen einzeln abgefragt: 83 Prozent berichteten mindestens eine Wirkung, die sie auf das Üben zurückführten, 58 Prozent mindestens eine, die sich unangenehm anfühlte.

  4. Ein strengeres Kriterium: hat es in den Alltag gewirkt?

    3 bis 37 %

    Bei den 96 Kursteilnehmenden 37 Prozent. Länger als einen Tag hielt eine solche Auswirkung bei 14,1 Prozent an, länger als eine Woche bei 9,0 Prozent, länger als einen Monat bei 6,4 Prozent. Bei den 434 Befragten 10,6 Prozent, über mindestens einen Monat 1,2 Prozent. Bei den 886 Befragten 9,1 Prozent. Und in zwei Kursgruppen aus der Allgemeinbevölkerung - 84 Lehrkräfte, 74 Studierende - sagten 3 bis 7 Prozent, der Kurs habe ihnen geschadet. Unangenehme Erfahrungen berichteten dort rund zwei Drittel; 85 bis 92 Prozent stuften diese als gar nicht oder nur etwas belastend ein.

Diese Zahlen stehen nicht im Widerspruch zueinander. Sie zeigen dieselbe Sache aus verschiedenen Abständen. Je genauer und je breiter gefragt wird, desto höher die Zahl. Je strenger das Kriterium, desto niedriger.

Dieselben Menschen, dieselbe Frageliste, fünf verschiedene Zahlen Fünf waagerechte Balken auf einer gemeinsamen Skala von null bis hundert Prozent, von oben nach unten immer kürzer. Sie zeigen dieselbe Gruppe von 96 Menschen drei Monate nach einem achtwöchigen Achtsamkeitskurs, befragt mit derselben Liste von 44 Erfahrungen. Oben, in ruhigem Blau: 83 Prozent berichteten irgendeine Wirkung, die sie auf das Üben zurückführten, das sind 80 von 96. Darunter, ebenfalls blau: 58 Prozent nannten mindestens eine, die sich unangenehm anfühlte, 56 von 96. Ab hier wechselt die Farbe zu einem warmen Rotton, weil es um Belastung im Alltag geht: 37 Prozent nannten mindestens eine Wirkung, die sich auf den Alltag außerhalb der Übung auswirkte, 30 von 81. 14 Prozent berichteten eine solche Auswirkung, die länger als einen Tag anhielt, 11 von 78. Und 6 Prozent eine, die länger als einen Monat anhielt, 5 von 78. Die Balken werden nach unten hin deutlich kürzer: Je strenger das Kriterium, desto seltener das Ereignis. 0 % 100 % irgendeine Wirkung durch das Üben · 80 von 96 83 % davon unangenehm erlebt · 56 von 96 58 % ab hier: wirkt in den Alltag hinein mit Auswirkung auf den Alltag · 30 von 81 37 % Auswirkung hielt über einen Tag an · 11 von 78 14 % Auswirkung hielt über einen Monat an · 5 von 78 6 %
Dieselben 96 Personen, dasselbe Interview drei Monate nach dem Kurs. Die Zahl ändert sich nur damit, was gezählt wird. Meditationsbezogene Nebenwirkungen · Britton et al. 2021
Was gezählt wird

Eine Übung soll nicht entspannen

Eine Frage gehört vor diese Zahlen. Was soll eine Achtsamkeitsübung eigentlich bewirken?

Geübt wird das Wahrnehmen: Atem, Körper, Geräusche, Gedanken. Entspannung ist dabei kein Ziel. Sie kommt vor, und dann ist sie eine Beobachtung wie Anspannung auch. Ein Erfolgsmaß ist sie nicht.

Das ist keine Auslegungssache. Die Arbeit, die festhält, was ein Achtsamkeitsprogramm ausmacht, zählt Entspannungstraining ausdrücklich zu dem, was außerhalb dieses Modells liegt. Jon Kabat-Zinn schreibt schon 1985, tiefe körperliche Entspannung könne sich einstellen. Anders als Entspannungsverfahren ziele die Übung zusätzlich auf Einsicht.

Achtsamkeitsprogramme wenden sich dem Schwierigen sogar absichtlich zu. Die aktuelle Übersichtsarbeit fasst es so zusammen: Sie arbeiten bewusst mit schwierigen Gedanken, Gefühlen und Empfindungen. Kurzes Unbehagen kann dabei entstehen, damit langfristig etwas gewonnen wird.

Für die einzelne Übung heißt das: Müdigkeit gehört zur normalen Bandbreite. Unruhe auch. Ein steifes Knie, ein Kopf voller Pläne, eine Viertelstunde, in der nichts geht. Eine unangenehme Übung ist damit nicht automatisch eine Übung, bei der etwas schiefgeht.

Wo verläuft dann die Grenze? Ein prüfbares Maß ist die Dauer. Hält es über die Sitzung hinaus an? Nimmt es Schlaf, Stimmung oder Alltag mit? So arbeitet auch die Forschung. Dauer dient dort seit Langem dazu, vorübergehendes Unbehagen von dem zu trennen, was Behandlung braucht. Die Autoren schränken selbst ein, dass die nötige Dauer vom Beschwerdebild abhängt.

Das ist keine Entwarnung. Dieselben Arbeiten verlangen die Unterscheidung ausdrücklich: erwartbares Unbehagen und möglicher Schaden gehören auseinandergehalten. Leicht ist sie nicht. Die Übersichtsarbeit hält fest, dass es keinen Konsens darüber gibt, wie einzelne Erfahrungen zu deuten sind. Wo etwas belastet, den Alltag einschränkt oder bleibt, bleibt es ernst. Was dann gilt, steht unten unter Wenn es belastet.

Der Zeitpunkt

Wann wird gefragt, und wonach?

Bleibt die Frage, wann überhaupt gefragt wurde. Sie steht in keiner Schlagzeile, in den Arbeiten selbst aber fast immer. Und sie erklärt viel.

Während der Übung. In der Studie über 21 Tage wurde mehrmals täglich erhoben, wie es gerade geht. An diesem Zeitpunkt entstehen die 87 Prozent.

In der Woche nach dem Kurs. So wurde in den beiden Kursgruppen aus der Allgemeinbevölkerung gefragt. Dort stehen die 3 bis 7 Prozent, die von Schaden berichten.

Drei Monate danach. Das Interview mit den 96 Personen fand einmal statt, drei Monate nach Kursende. Die Forschenden nennen den Grund: Wer ständig gefragt wird, berichtet mehr. Sie nennen auch den Preis: Wer spät gefragt wird, erinnert weniger.

Irgendwann im Leben. Die großen Befragungen haben keinen Kurs als Anlass. Sie fragen, ob jemals etwas Unangenehmes vorkam.

Damit wird sichtbar, was in einer einzigen Prozentzahl zusammenliegt. Ein steifer Nacken nach 25 Minuten Sitzen und eine Belastung, die Wochen bleibt, werden oft gemeinsam gezählt. Die Übersichtsarbeit von 2026 sagt es offen: Es bleibt unklar, wie viel von den berichteten Wirkungen vorübergehendes Unbehagen ist und wie viel bleibender Schaden.

Einige Arbeiten ziehen es auseinander, und das sind die brauchbarsten. Das Interview nach dem Achtwochenkurs fragt getrennt: Wie hat es sich angefühlt? Hat es sich auf den Alltag ausgewirkt? Wie lange hielt das an? Die beiden großen US-Befragungen und die Kursgruppen aus der Allgemeinbevölkerung trennen Erlebnis und Beeinträchtigung ebenfalls.

Andere tun es nicht. Die Befragung von 1.232 Meditierenden stellt eine einzige Frage. Die Autoren halten selbst fest, dass ihre Daten nichts über Art, Schwere und Auswirkung der Erfahrungen sagen.

Ein gemeinsamer Maßstab für die Schwere fehlt über alle Arbeiten hinweg. Die systematische Übersichtsarbeit beanstandet das ausdrücklich: Viele Studien ohne Fund sagen nicht einmal, ob sie nur sehr schwere Ereignisse erfasst haben oder auch leichtere.

Die Übersichtsarbeiten fordern einheitliche Begriffe und aktives Nachfragen. Eine eigene Vorgabe für den Erhebungszeitpunkt steht bisher nicht darunter. Solange das so ist, gehört zu jeder dieser Prozentzahlen die Frage, wann sie entstanden ist.

Eine Grenze bleibt auch dann. Ein Fragebogen fragt, ob etwas unangenehm war. Er fragt nicht, was danach damit passiert ist.

Die Lücke

Der ehrlichste Befund: meistens wird gar nicht gefragt

Was dieses Feld wirklich auszeichnet, ist nicht eine bestimmte Häufigkeit. Es ist eine Lücke.

Eine Auswertung von 47 kontrollierten Studien mit 3.515 Teilnehmenden fand: Nur 9 dieser 47 Studien berichteten überhaupt etwas zu möglichen Schäden. Keine dieser neun meldete einen. Eine spätere Suche nach kontrollierten Studien zu MBSR und MBCT, die wenigstens angeben, unerwünschte Ereignisse überwacht zu haben, förderte aus 7.931 Treffern 36 Studien zutage. Und die systematische Übersichtsarbeit über 45 Jahre begann mit 6.742 Treffern und behielt am Ende 83 Berichte, die überhaupt eine Erfassung enthielten.

Wo erfasst wird, ist der Maßstab oft eng. Viele Studien zählen als unerwünschtes Ereignis nur, was sehr schwer wiegt: eine Krankenhausaufnahme, einen Todesfall. Was jemand in der Übung erlebt hat, kommt darin nicht vor.

Am deutlichsten wird die Lücke dort, wo man beides nebeneinander hat. In der Interviewstudie nach dem Achtwochenkurs wurde beides erhoben: eine offene Frage danach, ob überhaupt etwas aufgefallen sei, und die Liste, die jede der 44 Erfahrungen einzeln abfragt. Die offene Frage fand 26 der 80 Personen, bei denen die Liste etwas fand - eine Unterschätzung um fast 70 Prozent. Wer nicht fragt, erfährt nichts. Und wer nichts erfährt, veröffentlicht am Ende „keine unerwünschten Wirkungen“.

Ein Beispiel aus einem eng umgrenzten Bereich zeigt das noch schärfer: In einer Übersichtsarbeit über 39 kontrollierte Studien zu Achtsamkeitsprogrammen bei Psychosen berichteten 92 Prozent der Studien, wie viele Teilnehmende abgesprungen sind - und keine einzige berichtete Nebenwirkungen der Maßnahme selbst.

Abgrenzung

Was das nicht heißt

Es heißt nicht, dass Achtsamkeitskurse schaden.

Eine große Auswertung verglich Menschen, die MBSR gemacht hatten, mit Menschen auf einer Warteliste. Auf keinem der geprüften Maße fand sich ein Hinweis darauf, dass MBSR häufiger zu Verschlechterungen führt als Nichtstun. Auf mehreren Maßen war es umgekehrt: Der Kurs schützte eher vor Verschlechterung. Auch in der Übersichtsarbeit zu Psychosen kamen Krankenhausaufnahmen und Einsätze des Krisendienstes in den Vergleichsgruppen häufiger vor als in den Achtsamkeitsgruppen.

Der Wartelistenvergleich ist allerdings nicht unwidersprochen geblieben: Es gibt dazu einen veröffentlichten methodischen Einwand und eine Erwiderung der Autorengruppe. Und unabhängig davon gilt: Eine Warteliste ist kein neutraler Maßstab. Wer auf einen Kursplatz wartet, kann sich auch deshalb verschlechtern.

Es heißt auch nicht, dass Achtsamkeit besonders riskant wäre. Die Rate, mit der Kursteilnehmende von Auswirkungen auf ihren Alltag berichten, liegt in derselben Größenordnung wie das, was bei Psychotherapie gefunden wird, wenn man dort systematisch fragt. Was Achtsamkeit vom übrigen Feld unterscheidet, ist nicht die Höhe des Risikos, sondern wie selten danach gefragt wird - und wie stark das öffentliche Bild „nur gut, nie schwierig“ davon abweicht.

Und es heißt nicht, dass die betroffenen Menschen ihre Übung bereuen. In der US-Befragung von 434 Menschen sagten fast neun von zehn, sie seien froh, meditiert zu haben. Dieser Anteil war bei denen, die belastende Wirkungen berichteten, praktisch derselbe.

Vorhersage

Wen es betrifft

Hier ist die Antwort unbefriedigend, und sie ehrlich zu geben ist besser, als eine Liste zu erfinden.

Es gibt Zusammenhänge, aber sie sind schwach. In der US-Befragung von 434 Menschen hingen belastende Erfahrungen mit belastenden Kindheitserfahrungen, mit aktuellen Beschwerden wie Niedergeschlagenheit und Angst und mit Einsamkeit zusammen. Alle diese Zusammenhänge waren klein; der größte Teil der Unterschiede zwischen Menschen blieb unerklärt. In der Befragung von 886 Meditierenden waren es psychische Belastung, eine Neigung zu ungewöhnlichen Wahrnehmungen und Überzeugungen und die Teilnahme an mehrtägigen Retreats. In der Interviewstudie nach dem Achtwochenkurs waren es vier Erfahrungen, die eine länger anhaltende Belastung vorhersagten: Schwierigkeiten mit Denken und Planen, Schlaflosigkeit, emotionale Abflachung und ein verändertes Selbstgefühl. Sie kamen bei weniger als 5 Prozent vor.

Dagegen stehen drei Befunde, die jede einfache Siebregel entwerten. In den Einzelfallberichten der großen Übersichtsarbeit hatte die Mehrheit der Menschen mit schweren unerwünschten Wirkungen keine psychische Vorgeschichte. In der Studie über 21 Tage sagte nichts von dem, was vorher erhoben wurde, voraus, bei wem danach etwas blieb: weder Beschwerden noch andere Verletzlichkeiten. Und in der Befragung von 886 Meditierenden unterschieden sich Menschen mit einer schon vorher bekannten psychischen Diagnose nicht von denen, deren Diagnose erst nach der unerwünschten Wirkung gestellt wurde.

Für die Praxis folgt daraus keine Liste, an der sich vorher etwas ablesen ließe. Es folgt: vorher sagen, dass Unangenehmes vorkommen kann. Nachfragen, statt zu warten. Und die Übung anpassen, wenn sie nicht trägt.

Praxis

Wenn es in der Übung zu viel wird

Ein Befund aus der Interviewstudie widerspricht einer verbreiteten Annahme: Über 80 Prozent der berichteten Erfahrungen traten während oder direkt nach einer Übung auf, und nur 6 Prozent im Zusammenhang mit dem Schweigetag des Kurses oder der Übung, in der man sich Schwierigem bewusst zuwendet. Innerhalb eines Achtwochenkurses wartet das Unangenehme also nicht in den intensiven Stunden. Es kommt in der normalen täglichen Übung vor.

Für mehrtägige Retreats gilt das nicht ohne Weiteres. In mehreren Befragungen hängt die Teilnahme an einem Retreat mit mehr unerwünschten Wirkungen zusammen, in anderen nicht. Das ist eine andere Größenordnung als eine Viertelstunde am Morgen.

Was dann hilft, steht im Modell des Toleranzfensters. Kurz gefasst: Bei hoher Erregung ist die stille Übung mit geschlossenen Augen und der Aufmerksamkeit im Körperinneren oft nicht der Weg zurück. Sie kann die Anspannung halten, weil ein alarmierter Körper reichlich Belege für Alarm liefert. Dann ändert sich der Ankerplatz: Augen offen, ein Punkt im Raum, Geräusche, die Füße am Boden, ein paar Schritte. Der Vorgang bleibt derselbe - ausrichten, bemerken, zurückkommen -, nur der Ort ändert sich. Das ist kein Rückschritt und keine leichtere Übung.

Das Zweite ist genauso einfach und wird oft übersehen: darüber sprechen. In einer begleiteten Gruppe ist das der Unterschied zwischen einer schwierigen Stunde und einer, die nachwirkt.

Wenn du gerade in Behandlung bist, gehört ein Schritt dazu: Sag es dort. Die Fachempfehlungen sehen diesen Austausch ausdrücklich vor. Wer über die Teilnahme mitentscheidet, soll mit den Behandelnden sprechen. Und eine Übung, die gerade nicht trägt, darf angepasst oder ausgelassen werden.

Wichtig

Wenn es belastet

Wenn Anspannung, Angst, Taubheit oder belastende Erinnerungen stark sind, lange anhalten oder Schlaf, Stimmung und Alltag beeinträchtigen, ist das kein Bereich zum Durchhalten. Dann gehört es ärztlich oder psychotherapeutisch abgeklärt. Gerade weil Therapieplätze knapp sind, ist es gut, die Anlaufstellen zu kennen:

Diese Seite informiert - sie ersetzt keine Beratung, Diagnose oder Behandlung.

Einordnung

Wie gut belegt ist das?

Dass unerwünschte Wirkungen vorkommen, ist gut belegt. Sie sind in Einzelfallberichten, in Interviewstudien, in Befragungen und in einzelnen kontrollierten Studien beschrieben, und sie tauchen in denselben Kategorien immer wieder auf.

Wie häufig sie sind, ist uneinheitlich. Die Spanne von 25 bis 87 Prozent ist kein Streit über die Sache. Sie ist ein Streit über das Maßband: Definitionen und Messverfahren sind nicht einheitlich, und wie gefragt wird, entscheidet über die Zahl. Solange nicht standardisiert und aktiv erhoben wird, gibt es keine belastbare Gesamthäufigkeit. Genau das fordern die Übersichtsarbeiten selbst: weg vom passiven Abwarten, hin zu einer aktiven, einheitlichen Erfassung.

Wen es besonders trifft, ist offen. Die gefundenen Zusammenhänge sind klein, und mehrere Arbeiten finden gerade keinen Unterschied zwischen Menschen mit und ohne psychische Vorgeschichte.

  • Die Prozentzahlen sind keine Gesamthäufigkeit. Jede Zahl gehört zu einer bestimmten Gruppe von Menschen und zu einem bestimmten Messverfahren. Wer nach acht Wochen Kurs mit einer 44-teiligen Liste gefragt wird, antwortet anders als jemand, dem in einer Studie nur offen gesagt wurde, er möge sich melden, falls etwas sei. Eine Angabe wie „X Prozent aller Meditierenden“ gibt es nicht, und sie wird auch nicht dadurch richtig, dass man die Studien mittelt.
  • Der Erhebungszeitpunkt gehört zur Zahl. Manche Werte entstehen während der Übung, manche in der Woche nach dem Kurs, manche drei Monate später, manche ohne jeden Zeitbezug. Eine Vorgabe, ihn immer anzugeben, gibt es bisher nicht. Ohne ihn lassen sich zwei Prozentzahlen nicht nebeneinanderlegen.
  • Die Spanne 25 bis 87 Prozent ist keine Spannweite über alle Studien. Sie ist eine gerundete Angabe aus einer Übersichtsarbeit, und ihre beiden Ränder stammen aus derselben Untersuchung mit 82 Personen. Einzelne andere Arbeiten liegen darunter.
  • 87 Prozent ist keine Zahl von Betroffenen. Gezählt wurden Messzeitpunkte mit einer statistisch verlässlichen Verschlechterung, mehrmals täglich erhoben, über 21 Tage. Die Autoren selbst halten fest, dass daraus vermutlich kein Schaden folgt.
  • Die höchste Zahl kommt aus den schwächsten Daten. Der Wert von 33,2 Prozent aus den Beobachtungsstudien stammt aus Untersuchungen ohne Kontrollgruppe, in denen häufig Retreat-Erfahrungen enthalten sind. Er erlaubt keine Aussage darüber, ob das Meditieren die Ursache war.
  • Die niedrigste Zahl kommt aus dem schwächsten Hinsehen. Der Wert von 3,7 Prozent aus den experimentellen Studien beruht überwiegend auf passiver Erfassung, also darauf, dass jemand von sich aus etwas berichtet. Die Autoren selbst gehen davon aus, dass die tatsächliche Rate darüber liegt.
  • Symptomfragebögen messen das nicht. In den beiden Kursgruppen aus der Allgemeinbevölkerung waren die Menschen, die von Schaden berichteten, fast vollständig andere als die, deren Fragebogenwerte sich verschlechtert hatten. Wer nur Fragebögen auswertet, sieht die eine Hälfte nicht.
  • Wer besonders gefährdet ist, weiß man nicht. Die gefundenen Zusammenhänge mit Kindheitsbelastungen, aktuellen Beschwerden und Einsamkeit sind real, aber klein. Und in den schweren Einzelfällen der großen Übersichtsarbeit hatte die Mehrheit keine psychische Vorgeschichte. Eine Vorab-Sortierung nach Risiko ist damit nicht möglich.
  • Der Wartelistenvergleich ist kein Freispruch. Er zeigt, dass MBSR nicht häufiger zu Verschlechterungen führt als Warten. Eine Warteliste ist aber kein neutraler Maßstab, und zu der Arbeit gibt es einen veröffentlichten Einwand und eine Erwiderung.
  • Die qualitative Studie zeigt Bandbreite, nicht Häufigkeit. Die Interviewstudie mit 60 buddhistischen Meditierenden hat gezielt Menschen mit schwierigen Erfahrungen gesucht. Ihre Zahlen zu Beeinträchtigung und Dauer gelten nur für diese Auswahl. Die Autoren schließen die Übertragung auf achtsamkeitsbasierte Kursprogramme ausdrücklich aus.

Was daraus für einen Kurs folgt, ist keine Warnung, sondern eine Haltung: vorher sagen, dass Unangenehmes vorkommen kann. Nachfragen, statt zu warten. Die Übung anpassen, wenn sie nicht trägt. Und den Unterschied kennen zwischen einer schwierigen Stunde und einem Zustand, der fachliche Hilfe braucht.

Wie solche Zusammenfassungen entstehen und woran eine sorgfältige zu erkennen ist, steht in Was eine Meta-Analyse anders macht.