Orientierung im Augenblick

Was ist Aufmerksamkeit?

In jedem Augenblick erreicht uns mehr, als wir bewusst aufnehmen können. Aufmerksamkeit schafft darin eine vorläufige Ordnung: Etwas tritt hervor, Neues kann uns erreichen und unser Handeln bleibt ausgerichtet.

Drei Leistungen

Wie Aufmerksamkeit Orientierung schafft

Die Forschung beschreibt mehrere verbundene Funktionen. Für den Alltag lassen sie sich als drei Leistungen verstehen.

Die Grafik lässt sich seitlich bewegen.

Drei Leistungen der Aufmerksamkeit Drei Felder zeigen, wie Aufmerksamkeit etwas in den Vordergrund holt, für Neues auf Empfang bleibt und den eigenen Kurs prüft. 01 · ORIENTING Etwas in den Vordergrund holen Ein Teil wird klar. Anderes tritt zurück. dies hier Vordergrund entsteht 02 · ALERTING Wach und auf Empfang bleiben Bereit für relevante Signale. Reaktionsbereitschaft bleibt erhalten 03 · EXECUTIVE CONTROL Den eigenen Kurs prüfen Absicht und Handlung finden zusammen. Start Absicht Kurs prüfen und korrigieren
Die drei Leistungen der Aufmerksamkeit greifen im Alltag fortwährend ineinander.
Orienting

Etwas in den Vordergrund holen

Ein Gespräch, eine Buchseite oder eine Körperempfindung wird deutlicher. Anderes tritt vorübergehend zurück.

Alerting

Wach und auf Empfang bleiben

Wir halten unsere Reaktionsbereitschaft aufrecht. So können wir auf erwartete und relevante Signale zügig reagieren.

Executive Control

Den eigenen Kurs prüfen

Wir gleichen unser Tun mit unserer Absicht ab und richten uns bei Bedarf neu aus.

Aufmerksamkeit ordnet den Augenblick: beweglich, begrenzt und nicht vollständig willentlich steuerbar.

Reiz und Absicht

Was von selbst nach vorn tritt

Aufmerksamkeit folgt unseren Zielen, wird aber auch von auffälligen Ereignissen umgelenkt. Das ist eine wichtige Schutz- und Orientierungsleistung. Corbetta und Shulman beschreiben das Zusammenspiel zielgerichteter und reizgetriebener Aufmerksamkeit.

Auch eine Erinnerung, eine Sorge oder ein Körpersignal kann in den Vordergrund treten. Ablenkung ist daher nicht automatisch ein Zeichen mangelnder Disziplin.

Ein kompakter Vergleich

Fokus und Gedankenwandern

Wenn eine Aufgabe ansteht

Unbemerktes Abschweifen kann dazu führen, dass Informationen fehlen und wir neu ansetzen müssen.

Wenn gerade nichts zu lösen ist

Freies Gedankenwandern kann Erinnern, Planen und neue Verbindungen unterstützen.

Entscheidend ist die Passung zur Situation. Eine Übersichtsarbeit dazu stammt von Smallwood und Schooler. Mehr dazu: Der wandernde Geist. Was in der rechten Spalte passiert, wenn man sie lässt - und warum es immer weniger solcher Momente gibt -, steht in Was der Kopf im Leerlauf macht.

Der Kurs von hier zur Absicht Von einem Punkt mit der Beschriftung „hier“ führen zwei Wege zu einem Ziel mit der Beschriftung „Absicht“: eine durchgezogene und eine gestrichelte Linie. Beide steigen in Wellen an und weichen unterwegs mehrfach ab. Ein gerader Weg ist nicht dabei. hier Absicht
Aufmerksamkeit unter Belastung

Wenn es schwerer wird, auf Kurs zu bleiben

Stress kann es erschweren, Wichtiges im Vordergrund zu halten, Störungen auszublenden und sich flexibel neu auszurichten. Arnsten beschreibt, wie Stresssignale Funktionen des präfrontalen Kortex beeinträchtigen können.

Wie stark das spürbar wird, hängt unter anderem von Intensität, Dauer, Situation und vorhandenen Ressourcen ab. Eine vertiefende Einordnung steht unter Stress und Bewertung.

Die Brücke zur Achtsamkeit

Nicht nur wohin - auch wie

Aufmerksamkeit

Was tritt hervor? Was erreicht mich? Bin ich noch bei meiner Absicht?

Achtsamkeit

Kann ich das Wahrgenommene bewusst und mit einer bestimmten Haltung erleben?

Aufmerksamkeit trägt Achtsamkeit. Hinzu kommt die bewusste Haltung gegenüber dem Wahrgenommenen. Mehr zur Einordnung: Was Achtsamkeit ist

Was sich üben lässt

Den eigenen Kurs wiederfinden - und woran

Beim Üben wird eine Leistung der Aufmerksamkeit direkt erfahrbar: Wir wählen eine Ausrichtung, bemerken eine Abweichung und finden unseren Kurs wieder. Das Bemerken ist dabei Teil der Übung, nicht ihr Scheitern.

Genau deshalb braucht es überhaupt eine gewählte Ausrichtung - einen Anker. Ohne ein Ziel, bei dem die Aufmerksamkeit sein soll, gibt es nichts zu bemerken. Und ohne Bemerken gibt es nichts zurückzuführen.

Eine Steuerung, viele mögliche Anker In der Mitte steht die Steuerung, die immer dieselbe bleibt. Um sie herum liegen vier mögliche Anker: Atem, Geräusche, Fußsohlen und Sehen. Gestrichelte Linien verbinden jeden Anker mit der Mitte. Atem Geräusche Fußsohlen Sehen Steuerung immer dieselbe Was wechselt, ist nur der Ankerplatz. Was geübt wird, ist jedes Mal das Zurückholen.
Der Anker ist austauschbar. Die Bewegung, die dabei geübt wird, ist es nicht.

Geübt wird die Steuerung, nicht der Ankerplatz. Deshalb ist es zweitrangig, ob die Aufmerksamkeit beim Atem liegt, bei Geräuschen, bei den Fußsohlen oder beim Sehen - und deshalb darf der Anker wechseln. Ihn zu wechseln ist kein Rückschritt, sondern derselbe Vorgang an einer anderen Stelle.

Wenn die Anspannung hoch ist

Bei starker Unruhe, Angst oder Alarmbereitschaft ist die stille Übung mit geschlossenen Augen und dem Blick nach innen oft nicht der Weg zurück. Passender ist dann ein Anker außerhalb: Augen offen, ein Punkt im Raum, die Fußsohlen beim Gehen - eine aktive Übung statt einer ruhigen.

Wann ein Ankerwechsel nicht Geschmackssache ist, sondern angezeigt, steht im Toleranzfenster - dort geht es um die Erregung selbst, hier um die Aufmerksamkeit, die sich darin ausrichtet.

Einordnung

Was dieses Modell leisten kann

Die drei Leistungen sind eine vereinfachte Darstellung. In der Forschung werden Aufmerksamkeitsfunktionen und ihre Netzwerke genauer unterschieden. Petersen und Posner ordnen die Funktionen als Orienting, Alerting und Executive Control ein.

Das Modell macht alltagsnahe Leistungen sichtbar. Mögliche Wirkungen von Übungen hängen von Übungsform, Dauer und untersuchter Aufgabe ab.