Der wandernde Geist

Fast die Hälfte der Zeit woanders

Zwei Harvard-Forscher haben Tausende Menschen mitten im Alltag per Handy gefragt: Was tust du gerade - und wo sind deine Gedanken? Die Antworten gehören zu den bekanntesten Befunden der Achtsamkeitsforschung.

Die Handy-Studie zum wandernden Geist Ein Handy fragt mitten am Tag: Wo sind deine Gedanken gerade? In gut der Hälfte der Momente lautet die Antwort: bei dem, was ich tue - die Stimmung ist dabei im Mittel besser. In fast der Hälfte der Momente sind die Gedanken woanders - die Stimmung ist dabei im Mittel gedrückter. Ping! Wo sind deine Gedanken gerade? 53 % bei dem, was ich tue Stimmung im Mittel: besser 47 % woanders Stimmung im Mittel: gedrückter DER ÜBERRASCHENDE TEIL Selbst Tagträume über Angenehmes hoben die Stimmung kaum über den Moment hinaus, in dem man gerade ist. Experience Sampling · rund 2.250 Erwachsene · gerundete Anteile
Momentaufnahmen mitten aus dem Leben: Fast jeder zweite Gedanke ist nicht bei dem, was gerade geschieht.

Der Geist ist fast die Hälfte der wachen Zeit nicht bei dem, was gerade geschieht - und abgeschweifte Momente fühlen sich im Mittel weniger gut an. Selbst bei angenehmen Tätigkeiten.

Wie es funktioniert

Was die Studie gemacht hat

Die Methode

Rund 2.250 Erwachsene bekamen zu zufälligen Zeitpunkten eine Frage aufs Handy: Was tust du gerade? Wo sind deine Gedanken? Wie fühlst du dich? So entstehen Momentaufnahmen mitten aus dem Leben - keine Erinnerungen im Nachhinein, die oft verzerrt sind.

Der Befund

In 46,9 Prozent der Momente waren die Gedanken woanders - beim Gestern, beim Später, beim Was-wäre-wenn. Und die Stimmung war in diesen Momenten im Mittel gedrückter, was auch in zeitversetzten Auswertungen sichtbar blieb: Erst kam das Abschweifen, dann die schlechtere Stimmung.

Zwei Dinge gehören zur ehrlichen Lesart dazu. Erstens bleibt es ein Zusammenhang aus Beobachtungsdaten, kein strenger Beweis für Ursache und Wirkung. Zweitens hängt die Bedeutung des Gedankenwanderns vom Kontext ab: Während einer Aufgabe kann es Information und Genauigkeit kosten. Ohne aktuelle Aufgabe können Erinnern, Planen und neue Verbindungen wertvoll sein. Eine Übersichtsarbeit über diese unterschiedlichen Formen stammt von Smallwood und Schooler. Die Studie hier zeigt vor allem, wie häufig die Gedanken von der aktuellen Tätigkeit wegwandern.

Was in den Momenten passiert, in denen gerade keine Aufgabe läuft - und warum es davon immer weniger gibt -, steht in Was der Kopf im Leerlauf macht.

Die Brücke zur Praxis

Der Moment des Bemerkens

Genau hier setzt Meditation an. Es geht nicht darum, Gedanken zu verhindern - das gelingt niemandem. Geübt wird der Moment, in dem auffällt: „Ich war weg“ - und die Aufmerksamkeit freundlich zurückkommt. Dieser Moment ist keine Panne beim Üben, er ist das Üben.

Eine systematische Übersichtsarbeit zeigt: Schon einige Wochen regelmäßiger Übung verringern das Abschweifen messbar, und erfahrene Meditierende berichten deutlich weniger davon. Was mit Achtsamkeit überhaupt gemeint ist, steht auf Was Achtsamkeit ist Warum der Moment des Bemerkens den Ausschlag gibt, erklärt das Kapitel Bevor du reagierst.

Einordnung

Wie gut belegt ist das?

Der Grundbefund - der Geist schweift sehr häufig ab - ist mit dieser großen Alltagsstichprobe robust belegt und vielfach aufgegriffen worden. Der Zusammenhang mit der Stimmung ist konsistent, bleibt aber korrelativ.

Und er ist inzwischen genauer verstanden: Eine Wiederholung der Studie mit neuer Stichprobe kommt zu dem Schluss, dass vor allem der Inhalt der abschweifenden Gedanken die Stimmung erklärt - nicht das Abschweifen an sich. Das passt zu einem Detail der Originalarbeit, in der angenehme Gedanken die Stimmung nicht drückten. Die praktische Botschaft bleibt dieselbe, die Erklärung wird nur genauer.

Zur Wirkung von Meditation auf das Abschweifen ist die Studienlage noch uneinheitlich in Methoden und Maßen; die Richtung der Befunde ist jedoch einheitlich: weniger Abschweifen mit zunehmender Übung. Befunde zu veränderter Hirnaktivität bei erfahrenen Meditierenden sind Querschnittsdaten - sie zeigen Unterschiede, nicht deren Ursache.

Warum aus dem Zusammenhang zwischen Abschweifen und Stimmung keine Richtung folgt, steht in Korrelation ist nicht Kausalität.