Leere Momente

Was der Kopf im Leerlauf macht

Vier Minuten an der Supermarktkasse. Das Warten auf die Bahn. Der Weg zum Bäcker. Kleine Zeitfenster, in denen nichts zu erledigen ist - und in denen mehr passiert, als ihr Ruf vermuten lässt.

Zwei Seiten desselben Gedankenwanderns Zwei Felder nebeneinander. Links: Während eine Aufgabe läuft, zieht ein Gedanke weg - das kostet Information und Genauigkeit. Rechts: Wenn nichts läuft, wandert der Gedanke - daraus entstehen Erinnerungen, Pläne und neue Verbindungen. Darunter der Hinweis, dass vor allem die leeren Momente gefüllt werden. WÄHREND EINER AUFGABE Aufgabe läuft Gedanke zieht weg kostet Information fehlt, die Genauigkeit sinkt, du setzt neu an IN EINEM LEEREN MOMENT nichts läuft Gedanke wandert nützt Erinnern und Planen, gelegentlich eine neue Verbindung DER TEIL, ÜBER DEN SELTEN GEREDET WIRD Gefüllt wird vor allem die rechte Spalte. Sie fühlt sich nach nichts an - deshalb vermisst sie kaum jemand.
Dieselbe Bewegung, zweimal ein anderes Ergebnis: Es kommt darauf an, ob gerade etwas läuft, das darunter leidet.

Ob abschweifende Gedanken schaden oder nützen, entscheidet nicht das Abschweifen selbst. Es entscheidet, ob gerade etwas anderes läuft.

Wie es funktioniert

Zwei Situationen, zwei Ergebnisse

Während einer Aufgabe

Du liest eine Seite und merkst nach drei Absätzen, dass nichts angekommen ist. Hier kostet das Abschweifen etwas Greifbares: Information fehlt, die Genauigkeit sinkt, du setzt noch einmal an. Beim Autofahren, im Gespräch oder bei einer Rechnung ist es dasselbe.

Wenn nichts ansteht

Beim Warten, beim Gehen, unter der Dusche gibt es keine Aufgabe, zu der die Gedanken zurückkehren müssten. Dann tauchen Erinnerungen auf, Pläne sortieren sich, und gelegentlich verbindet sich etwas, das vorher nebeneinander lag.

Es ist beide Male dieselbe Bewegung. Nur das Ergebnis ist ein anderes. Eine Übersichtsarbeit über die verschiedenen Formen und Funktionen des Gedankenwanderns stammt von Smallwood und Schooler.

Wie oft der Geist überhaupt wandert, hat eine Handy-Studie mitten im Alltag gemessen: Fast die Hälfte der Zeit woanders - dort geht es um die Häufigkeit und um die Stimmung, hier um den Unterschied zwischen den beiden Spalten.

Warum es weniger werden

Was die leeren Momente besetzt

Diese Momente werden seltener, und der Grund ist nüchtern: Aufmerksamkeit ist ein Gut, mit dem sich handeln lässt. Wer eine App betreibt, verdient daran, wie oft und wie lange sie geöffnet wird. Die kurzen Lücken im Tag sind dafür die günstigsten Flächen. Sie sind unangenehm leer, sie verlangen keine Entscheidung, und sie liegen überall herum.

Der Verlust fällt deshalb kaum auf. Wer an der Kasse zum Handy greift, bemerkt keine verlorene Konzentration - es gab ja keine Aufgabe. Verloren geht die andere Spalte, und die meldet sich nicht.

Was sich bewährt hat
  • Mit einer Absicht greifen. Nicht „mal schauen“, sondern: Ich sehe jetzt die Verbindung nach. Danach weglegen.
  • Benachrichtigungen abschalten. Wer entscheidet, wann etwas dazwischenkommt, verliert deutlich weniger Lücken.
  • Kein Verzichtsprogramm. Ein kompletter Entzug ist im Alltag schwer durchzuhalten und meistens nicht nötig. Es geht um die Wartezeiten, nicht um das Gerät.
Die Brücke zur Praxis

Zwei Spalten, zwei Übungsformen

Beide Spalten haben eine Entsprechung im Üben. Die fokussierte Übung arbeitet an der linken: Man wählt einen Anker, bemerkt das Abschweifen und kommt zurück. Das offene Gewahrsein arbeitet an der rechten: Man sitzt wach, ohne etwas festzuhalten, und lässt auftauchen, was auftaucht. Deshalb kommen im Kurs beide Formen vor und nicht nur eine. Die Sitzmeditation enthält beide nacheinander in einer Übung.

Und noch etwas: Eine Übungssitzung ist selbst ein leerer Moment - vielleicht der einzige, den man sich im Tagesverlauf noch bewusst einräumt. Der Unterschied zum Warten an der Kasse ist nicht, dass die Gedanken stiller wären. Der Unterschied ist, dass man sie mitbekommt.

Was mit den beiden Übungsformen genau gemeint ist, steht auf Was Achtsamkeit ist - dort geht es um die Haltung beim Üben, hier um die Frage, wofür der Leerlauf gut ist. Das Kapitel Bevor du reagierst setzt beim Bemerken selbst an.

Einordnung

Wie gut belegt ist das?

Dass Gedankenwandern je nach Situation kostet oder nützt, ist gut untersucht und in der Forschungsübersicht von Smallwood und Schooler zusammengetragen. Die Formen werden dort feiner unterschieden, als es zwei Spalten abbilden können - für den Alltag genügt die einfache Trennung.

Nicht belegt und deshalb hier nicht behauptet: dass Übung im offenen Gewahrsein im Alltag zu mehr oder besseren Einfällen führt. Dass man dabei nichts Bestimmtes ansteuert, beschreibt nur, wie die Übung abläuft - es sagt noch nichts über ihre Wirkung danach.

Der Abschnitt über die besetzten Lücken beschreibt, wie werbefinanzierte Anwendungen funktionieren. Das ist eine Beschreibung des Geschäftsmodells, keine Messung. Wie stark der Effekt bei einer einzelnen Person ausfällt, wird hier nicht behauptet.