Die Bilanz

Was die Forschung zeigt

Auf die Frage, ob Achtsamkeit wirkt, gibt es eine belastbare Antwort. Sie lautet nur nicht ja oder nein. Sie hängt an zwei Rückfragen: worauf man schaut und womit verglichen wird.

Dieselbe Frage, zwei Vergleichsarten Eine Skala von null bis eins mit den üblichen Marken für kleine, mittlere und große Effekte. Oben ein langer Balken: Gegenüber passiven Vergleichsgruppen reichen die Werte aus 44 Meta-Analysen von 0,10 bis 0,89. Darunter ein deutlich kürzerer Balken: Gegenüber einem anderen aktiven Programm reichen sie von 0,13 bis 0,54. Diese zweite Spanne gilt nur dort, wo überhaupt ein Vorsprung bleibt. Bei vielen Gruppen bleibt keiner, und für MBSR allein ist keiner belegt. GEGENÜBER GAR NICHTS Warteliste oder übliche Versorgung 0,10 0,89 GEGENÜBER EINEM ANDEREN ANGEBOT Von einer Gesprächsrunde bis zur Therapie 0,13 0,54 klein mittel groß Bei vielen Gruppen bleibt gar kein Vorsprung. Für MBSR allein ist keiner belegt.
Werte aus 44 Meta-Analysen mit zusammen 336 randomisierten Studien (Goldberg et al., 2022). Viele dieser Studien stecken in mehreren Meta-Analysen zugleich. Die Marken für klein, mittel und groß sind die üblichen Faustwerte.

Es gibt viel Forschung zu Achtsamkeit, und sie fällt überwiegend freundlich aus. Was sie zeigt, hängt aber so stark an der Vergleichsgruppe, dass jede Zahl ohne diesen Zusatz irreführend ist.

Der Umfang

Wie viel überhaupt untersucht ist

Achtsamkeitsbasierte Programme gehören zu den besser untersuchten psychologischen Angeboten. Eine Übersichtsarbeit von 2022 hat nicht einzelne Studien ausgewertet, sondern 44 Meta-Analysen - und damit zusammen 336 randomisierte Studien mit rund 30.000 Teilnehmenden.

Diese 336 sind allerdings keine 336 unabhängigen Belege. Viele Studien stecken in mehreren Meta-Analysen zugleich. Deshalb konnten die Autoren daraus auch keinen einzelnen Gesamtwert berechnen.

Eine solche Arbeit ist der stabilste Blick, den es auf ein Feld gibt: Sie fasst nicht Studien zusammen, sondern Zusammenfassungen. Was darin steht, hängt kaum noch an einer einzelnen Untersuchung.

Wie eine Übersichtsarbeit entsteht und woran sich eine sorgfältige erkennen lässt, steht in Was eine Meta-Analyse anders macht.

Worauf man schaut

Die Antwort ist nicht überall gleich

„Achtsamkeit wirkt“ ist als Satz zu grob, weil die Belege je nach Zielgröße verschieden stark sind. Am solidesten stehen sie für Angst, Niedergeschlagenheit und Schmerz. Schwächer fallen sie ausgerechnet dort aus, wo der Name des Verfahrens es verspricht: bei Stress und allgemeinem Wohlbefinden.

Das ist kein Grund, es nicht zu tun. Es ist ein Grund, die Erwartung anders zu setzen. Ein Kurs, der bei Ängstlichkeit hilft und beim Stressempfinden weniger deutlich, ist immer noch ein hilfreicher Kurs - nur nicht der, den die Werbesprache verspricht.

Womit verglichen

Die Rückfrage, die alles verschiebt

Hier liegt der eigentliche Punkt. Gegenüber passiven Vergleichsgruppen - Warteliste, übliche Versorgung, also gegenüber gar nichts - reichen die Effektstärken direkt nach dem Programm von 0,10 bis 0,89. Das ist eine Spanne von kaum messbar bis groß. Zum Vergleich: Eine Psychotherapie gegenüber gar keiner Behandlung kommt auf 0,32. Ein Schmerzmittel wie Ibuprofen gegenüber einer Scheintablette auf 0,14. Der vollständige Maßstab steht in Wie groß ist ein „mittlerer Effekt“?.

Gegenüber aktiven Vergleichsgruppen - einem anderen Programm, das ebenfalls etwas tut - fallen dieselben Effekte deutlich kleiner aus. Bei vielen Gruppen bleibt gar kein Vorsprung übrig. Wo einer bleibt, liegt er zwischen 0,13 und 0,54. Dieselbe Frage, dieselben Studien, ein anderes Bild.

Ein Teil davon betrifft MBSR direkt. Die Übersicht rechnet die Programmarten einzeln durch. Gegenüber der Warteliste steht MBSR gut da: 0,54, ein mittlerer Wert aus zwölf Studien. Gegenüber einem anderen aktiven Programm bleibt davon nichts Sicheres übrig. Dort liegt der Wert bei 0,02, und der Unsicherheitsbereich reicht von -0,53 bis 0,59. Aus diesen 17 Studien lässt sich also weder ein Vorsprung noch ein Rückstand ablesen.

Diese Zahl braucht ihren Zusammenhang. „Aktives Programm“ heißt in der Übersicht sehr Verschiedenes. Am einen Ende steht eine Gruppe, die sich trifft und über etwas anderes spricht. Am anderen Ende stehen anerkannte Behandlungen wie Verhaltenstherapie oder Medikamente. Die Übersicht zählt 78 solcher Vergleiche. 46 liefen gegen ein anderes Therapieangebot, 11 gegen eine anerkannte Behandlung. Die übrigen sind nicht genauer aufgeschlüsselt.

Für die 0,02 lässt sich das genau sagen. Der Wert kommt aus einer einzigen Meta-Analyse zu chronischem Schmerz. Sie hat MBSR mit Verhaltenstherapie verglichen, in 17 Studien mit 1.221 Menschen. Verglichen wurde also nicht mit gar nichts, sondern mit einem anerkannten Verfahren. Gleichauf mit so einem Verfahren zu liegen, ist keine schlechte Nachricht. Sicher belegt ist aber auch dieser Gleichstand nicht. Dafür ist der Unsicherheitsbereich zu breit.

Eine zweite Übersichtsarbeit schaut breiter auf dieselbe Frage und kommt zu einem etwas anderen Ergebnis. Sie wertet 101 randomisierte Studien mit 8.135 Teilnehmenden aus, ausschließlich zu MBSR. Gegenüber Warteliste oder üblicher Versorgung liegt der Wert für die psychische Gesundheit bei 0,54, gegenüber einem anderen aktiven Angebot bei 0,18 - klein, aber diesmal von null verschieden. Für körperliche Gesundheit und Lebensqualität blieb gegenüber aktiven Angeboten kein bedeutsamer Unterschied.

Warum die beiden Arbeiten auseinandergehen, lässt sich benennen: Die eine fasst 17 Studien zu chronischem Schmerz zusammen, die andere 101 Studien quer durch die Anwendungsfelder. Und die breitere nennt selbst ihre größte Schwäche: Zwei Drittel der eingeschlossenen Studien tragen ein erhebliches Verzerrungsrisiko, und die methodisch besseren fanden durchweg kleinere Effekte. Wer eine der beiden Zahlen zitiert, sollte dazu sagen, welche Frage sie beantwortet.

MBCT ist das verwandte Programm für Menschen mit wiederkehrenden Depressionen. Dort blieb auch gegenüber einem aktiven Programm ein Vorsprung übrig.

Die große Übersichtsarbeit von 2014 hält denselben Befund in einem Satz fest: Gegenüber anderen wirksamen Behandlungen - Medikamenten, Bewegung, weiteren verhaltensbezogenen Verfahren - zeigte sich kein Vorteil.

Das ist keine Besonderheit der Achtsamkeitsforschung. Es gilt für fast jedes psychologische Verfahren, und es ist der häufigste Grund, warum eine beeindruckende Schlagzeile im Alltag nicht hält, was sie andeutet.

Ein Beispiel

Wo das am genauesten untersucht ist

Am dichtesten ist die Forschung dort, wo MBSR entstanden ist: bei chronischem Schmerz. Eine große Vergleichsstudie mit 342 Erwachsenen und chronischem Kreuzschmerz stellte MBSR neben Verhaltenstherapie und neben die übliche Versorgung. Nach einem halben Jahr hatte sich die Alltagsfunktion bei 60,5 Prozent der MBSR-Gruppe bedeutsam verbessert, bei der Verhaltenstherapie bei 57,7 Prozent, bei der üblichen Versorgung bei 44,1 Prozent.

Zwei Dinge stehen darin nebeneinander, und beide gehören genannt. MBSR war der üblichen Versorgung überlegen und einem etablierten Psychotherapieverfahren ebenbürtig - ein starkes Ergebnis für einen achtwöchigen Kurs. Und zugleich: Bei rund 40 Prozent der MBSR-Gruppe änderte sich nichts Bedeutsames.

Die ausführliche Einordnung dazu, mit den Grenzen der Datenlage, steht in Der Schmerz und das Leiden daran.

Was fehlt

Wonach zu selten gefragt wird

Eine Bestandsaufnahme von 2018, verfasst unter anderem von Forschenden aus dem Feld selbst, benennt die Schwachstellen deutlich: uneinheitliche Definitionen von Achtsamkeit, Studien mit kleinen Gruppen und schwachem Design - und unerwünschte Wirkungen, die in den meisten Untersuchungen gar nicht erhoben werden.

Diese Kritik entwertet das Verfahren nicht. Sie zieht die Grenze zwischen dem, was gezeigt ist, und dem, was gern behauptet wird. Was über unerwünschte Wirkungen inzwischen bekannt ist, steht in Auch Üben hat Nebenwirkungen.

Ein Muster in der großen Übersicht von 2022 passt dazu. Sie hat 29 Tests zur Studienqualität zusammengetragen. Vier davon fanden einen Unterschied. Alle vier zeigten in dieselbe Richtung: Je besser die Studie gebaut war, desto kleiner der Effekt. Auch die Nähe der Forschenden zum Verfahren machte sich bemerkbar. Wo sie größer war, fielen die Effekte größer aus.

Dazu kommt eine Lücke, die selten auffällt: Was in den Studien gemessen wird, ist das Programm - nicht die Übung zu Hause. Wie viel tatsächlich geübt wird und was das mit dem Ergebnis zu tun hat, steht in Die Übung, die nicht stattfindet.

Die Messung

Was ein Fragebogen nicht erfasst

Diese Zahlen entstehen fast alle auf dieselbe Weise. Menschen füllen vor dem Kurs einen Fragebogen aus und danach noch einmal. Aus dem Unterschied wird die Wirkung berechnet. Das ist ein gutes Verfahren. Es misst genau das, wonach es fragt. Drei Dinge fragt es nicht.

Ob jemand bleibt. Wer nach der dritten Woche aufhört, füllt den zweiten Fragebogen oft nicht mehr aus. Die große Übersicht von 2022 fasst dazu nichts zusammen. Sie berichtet Effektstärken, Unsicherheitsbereiche, Studienqualität und unerwünschte Wirkungen. Abbruchquoten berichtet sie nicht. Wie viele Menschen die acht Wochen zu Ende gehen, steht dort also nicht.

Ob jemand den Kurs weiterempfehlen würde. Danach wird in diesen Studien nicht gefragt. Ein Kurs kann die Werte kaum bewegen und für die Person trotzdem wichtig gewesen sein. Auch der umgekehrte Fall kommt vor.

Wer da eigentlich sitzt. In einem MBSR-Kurs sitzen sehr verschiedene Menschen. Manche kommen mit starker Belastung. Manche sind neugierig und sonst zufrieden. Manche meditieren seit Jahren, andere haben noch nie davon gehört. Wer schon gute Werte hat, kann sich kaum verbessern. Sein Ergebnis zieht den Durchschnitt nach unten, obwohl bei ihm nichts schiefgelaufen ist.

Die große Übersicht hat das nicht aufgeschlüsselt. Sie prüft, ob das Alter der Teilnehmenden eine Rolle spielt, der Frauenanteil oder das Land. Ob jemand stark belastet war oder schon Übung hatte, prüft sie nicht. Diese Frage ist also nicht beantwortet worden, weder in die eine noch in die andere Richtung.

Ob eine schwierige Erfahrung aufgefangen wurde. Nach unerwünschten Wirkungen wird selten überhaupt gefragt: Nur 15 der 44 Meta-Analysen sprechen sie an. Und wo gefragt wird, lautet die Frage „hast du etwas Unangenehmes erlebt?“. Sie lautet nicht „wurde es aufgefangen?“. Wer eine schwierige Stunde hatte und danach ein gutes Gespräch mit der Kursleitung, kreuzt trotzdem „ja“ an.

Das ist kein Einwand gegen die Zahlen. Für das, was sie messen, sind sie belastbar. Einen Kurs bilden sie damit trotzdem nicht vollständig ab. Ob einer zu dir passt, beantworten sie nur zum Teil.

Einordnung

Wie gut belegt ist das?

Die Aussagen auf dieser Seite stützen sich auf die stabilste verfügbare Bauart. Das sind große systematische Übersichtsarbeiten und Übersichtsarbeiten, die mehrere Meta-Analysen zusammenfassen. Einzelne Studien stehen hier nur an einer Stelle - bei der Vergleichsstudie zum Kreuzschmerz, und dort als Beispiel, nicht als Beleg für eine allgemeine Wirkung.

Was dabei nicht behauptet wird: dass Achtsamkeit anderen Verfahren überlegen sei. Der Befund lautet, dass sie gegenüber gar nichts deutlich wirkt und gegenüber anderen aktiven Angeboten meist gleichauf liegt. Für ein Programm ohne Nebenwirkungsprofil einer Medikation und ohne Therapieplatzwartezeit ist das eine brauchbare Position - aber eben diese und keine größere.

Warum eine Arbeit, die viele Übersichtsarbeiten zusammenfasst, schwerer wiegt als eine einzelne Studie, steht in Was eine Meta-Analyse anders macht.

Ein Wort zu randomisiert: Damit ist gemeint, dass ausgelost wurde, wer die Behandlung bekommt. Was dieser Unterschied für die Aussagekraft bedeutet, steht in Korrelation und Kausalität.

Diese Seite informiert - sie ersetzt keine Beratung, Diagnose oder Behandlung.