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Wie geübt wird
Die Haltung, aus der geübt wird
Achtsamkeit übt man nicht nur mit einer Technik. Es zählt auch, mit
welcher inneren Haltung du dich hinsetzt. Jon Kabat-Zinn hat dafür sieben
Haltungen benannt. Sie tauchen in jedem MBSR-Kurs auf, meistens ohne dass
jemand sie aufzählt. Hier stehen sie, dazu ihre Herkunft und das, was
sich dazu untersuchen ließ.
Die sieben Haltungen sagen, wie geübt wird. Kabat-Zinn hat
sie 1990 aufgeschrieben. Damit ist geklärt, woher sie kommen. Was sie
bewirken, ist eine eigene Frage.
Die Liste
Die sieben Haltungen
Kabat-Zinn vergleicht die Haltung mit dem Boden in einem Garten. Die Übung
ist das, was darin wächst. Auf schlechtem Boden wächst wenig. Die sieben
hängen zusammen: Wer an einer arbeitet, kommt schnell zu den anderen.
Nicht-Urteilen
das Einteilen bemerken
Der Kopf teilt ununterbrochen ein: angenehm, unangenehm, egal. Beim Üben geht es darum, dieses Einteilen zu bemerken. Abstellen musst du es nicht. Es reicht zu merken, dass es gerade läuft.
Woran du es merkstBeim Sitzen taucht ein Satz auf wie „das bringt doch nichts“. Du erkennst ihn als Gedanken und bleibst beim Atem.
Geduld
den Dingen ihre Zeit lassen
Kabat-Zinn erzählt dazu vom Schmetterling. Ein Kind will helfen und bricht den Kokon auf. Dem Schmetterling nützt das nicht. Beim Üben heißt Geduld, dass du dich nicht durch die Minuten hetzt.
Woran du es merkstDu bist unruhig und schaust trotzdem nicht auf die Uhr.
Anfängergeist
schauen, als wäre es das erste Mal
Nach der zwanzigsten Sitzung meint der Kopf, er kenne das alles schon. Anfängergeist heißt, dass du trotzdem frisch hinschaust. Kein Atemzug gleicht dem vorigen. Das Wissen von gestern verstellt sonst den Blick.
Woran du es merkstDu spürst am eigenen Fuß etwas, das dir vorher nie aufgefallen ist.
Vertrauen
dem eigenen Spüren glauben
Nur du spürst, was in dir vorgeht. Beim Üben zählt dieses Spüren mehr als jede Anleitung. Wenn eine Bewegung wehtut, gehst du zurück. Auch dann, wenn die Stimme in der Aufnahme etwas anderes vorschlägt.
Woran du es merkstDu hörst früher auf zu dehnen, weil dein Knie es dir sagt.
Nicht-Streben
üben, ohne etwas erreichen zu wollen
Diese Haltung irritiert oft. Fast alles im Alltag tun wir für ein Ziel. Beim Üben hilft ein Ziel wenig, schreibt Kabat-Zinn. Wer sich vornimmt, ruhig zu werden, setzt sich damit unter Druck.
Woran du es merkstDu sitzt aufgewühlt da und lässt es dabei bewenden.
Akzeptanz
sehen, was gerade wirklich ist
Akzeptanz heißt hier nicht Gutheißen. Gemeint ist, dass du siehst, was gerade der Fall ist. Kopfschmerzen sind da, also sind sie da. Kabat-Zinn schreibt ausdrücklich, dass niemand deshalb Unrecht hinnehmen soll.
Woran du es merkstDu beschreibst dir, wie sich die Unruhe im Bauch anfühlt.
Loslassen
den Griff lockern
Kabat-Zinn erzählt vom Affen und der Kokosnuss. In der Nuss liegt eine Banane, das Loch ist eng. Die offene Hand passt hinein, die Faust nicht mehr heraus. Der Affe müsste nur die Banane loslassen. Beim Üben halten wir Angenehmes fest und schieben Unangenehmes weg. Loslassen heißt, diesen Griff zu bemerken.
Woran du es merkstEin schöner Moment geht vorbei und du greifst ihm nicht hinterher.
Die Namen klingen groß. Beim Üben sind es kleine Bewegungen. Am ehesten
fällt dir eine Haltung auf, wenn sie fehlt.
Herkunft
Woher die sieben kommen
Die Liste steht in Kabat-Zinns erstem Buch. Full Catastrophe Living
erschien 1990 bei Delacorte Press in New York. Kapitel 2 trägt die
Überschrift „The Foundations of Mindfulness Practice: Attitudes and
Commitment“. Auf Deutsch heißt das Buch Gesund durch Meditation.
Dort ist es ebenfalls Kapitel 2, in der Neuausgabe von 2013 ab Seite 67.
Ein Halbsatz darin klärt viel. Kabat-Zinn schreibt, es seien sieben
Haltungen, „so wie wir sie in der Stressklinik lehren“. Er nennt für die
Liste keine ältere Quelle. Er beruft sich auf keinen Text und auf keine
Schule.
Bei einer der sieben lässt sich die Herkunft trotzdem genau zeigen. Der
Anfängergeist stammt aus dem Zen. Das japanische Wort
dafür ist shoshin, zusammengesetzt aus „Anfang“ und „Geist“.
Bekannt wurde es durch ein Buch von Shunryū Suzuki, Zen Mind,
Beginner’s Mind, New York 1970. Gleich im ersten Satz steht dort:
„Im Geist des Anfängers gibt es viele Möglichkeiten, im Geist des Experten
nur wenige.“ Kabat-Zinn führt genau dieses Buch in seiner allerersten
MBSR-Arbeit von 1982 in der Literaturliste. Er schreibt dort, die
Achtsamkeitsmeditation habe Wurzeln im Theravada-Buddhismus, im Sōtō-Zen
und in yogischen Traditionen. Im Buchkapitel selbst schreibt er von dem,
„was man Anfängergeist genannt hat“.
Zwei weitere ordnet er selbst ein. 2011 schreibt Kabat-Zinn, in MBSR habe
von Anfang an ein Gewicht gelegen auf Nicht-Tun, Nicht-Streben und
Nicht-Anhaften an Ergebnisse. Das komme aus dem Chan und dem Zen, den
chinesischen und japanischen Linien. Für Nicht-Streben und
Loslassen gibt es damit eine Herkunftsangabe von ihm
selbst. Für Geduld, Vertrauen und Akzeptanz nennt er nichts Vergleichbares.
Bleibt die Frage nach der Liste als ganzer. Sie ist nirgends älter belegt.
Kein Text vor 1990 führt diese sieben zusammen auf. Die Zusammenstellung
ist Kabat-Zinns eigene, gemacht für seine Klinik. Einzelne Begriffe darin
sind viel älter als er.
Die naheliegende Frage
Kommt hier der Buddhismus herein?
Die kurze Antwort lautet: ja, und Kabat-Zinn sagt das selbst. 2011 hat er
beschrieben, wie er das Buch angelegt hat. Er wollte den Kern der Lehre
hineinschreiben, ohne das Wort dharma zu benutzen. Dharma ist der
Sammelbegriff für die Lehre des Buddha. In der Einleitung des Buches habe
er die buddhistische Herkunft ausdrücklich benannt. Im übrigen Text hat er
die Vokabeln weggelassen.
Im selben Aufsatz steht der Satz, um den es geht. Achtsamkeit habe „wenig
oder nichts mit dem Buddhismus als solchem“ zu tun. Sie habe zu tun mit
Wachheit, Mitgefühl und Weisheit. Das seien allgemein menschliche
Eigenschaften. Ob man ihm darin folgt, ist eine Frage, die jede Person für
sich beantwortet.
Für das Üben selbst macht die Frage wenig Unterschied. Die sieben Haltungen
lassen sich beschreiben und ausprobieren, ohne irgendetwas zu glauben. Wie
ein Kurs damit umgeht, zeigt sich im Ton der Anleitungen.
Die Brücke zur Praxis
Wo im Kurs die Haltungen stecken
Im MBSR-Kurs hängt keine Liste an der Wand. Die Haltungen zeigen sich
darin, wie angeleitet wird. Eine Einladung klingt anders als eine
Anweisung. „Schau, ob du den Atem im Bauch spürst“ überlässt dir die
Entscheidung. Das ist Vertrauen und Anfängergeist in einem Satz.
Am deutlichsten wird Nicht-Streben. Die meisten Menschen kommen in einen
Kurs, weil sie etwas loswerden möchten. Kabat-Zinn ließ seine Patientinnen
und Patienten drei Ziele aufschreiben. Danach bat er sie, acht Wochen lang
nicht darauf hinzuarbeiten. Das steht so schon 1990 im Buch.
Die Haltungen sind also kein Zusatzstoff. Sie beschreiben, in welcher
Verfassung die drei Qualitäten geübt werden, um die es im Kurs geht. Welche
das sind, steht auf
Was Achtsamkeit ist
Eines vorweg: Kabat-Zinn belegt hier die Herkunft. Dass die Haltungen
wirken, belegt er nicht. Sein Buch ist eine Anleitung. Eine Untersuchung
enthält es nicht.
Untersucht wird meist etwas anderes: Achtsamkeit als Wert in einem
Fragebogen. Der bekannteste heißt Five Facet Mindfulness
Questionnaire, auf Deutsch etwa „Fragebogen zu den fünf Facetten der
Achtsamkeit“. Einer seiner fünf Werte trägt einen Namen aus der Liste:
„nicht urteilen“. Ein zweiter kommt ihr nahe: „nicht reagieren“.
Eine große Zusammenfassung hat dazu 148 Studien ausgewertet, mit 44.075
Menschen. Erfasst wurden Angst, Niedergeschlagenheit und Folgen schwerer
Ereignisse. Der Wert „nicht urteilen“ hing am engsten mit geringerer
Belastung zusammen (r = -0,48). „Nicht reagieren“ lag deutlich darunter
(r = -0,33). Beim Wert „beobachten“ zeigte sich gar kein Zusammenhang.
Fast gleichauf mit „nicht urteilen“ lag ein Wert, der zur Liste gar nicht
gehört: bewusst handeln (r = -0,47). Gemessen wurde alles zum selben
Zeitpunkt. Wer hoch liegt,
berichtet weniger Beschwerden. Warum, sagt die Zahl nicht. Was aus einem
solchen Zusammenhang folgt, steht in
Korrelation ist nicht Kausalität.
Für Loslassen gibt es einen eigenen Fragebogen. Er misst
Nicht-Anhaften. Eine Zusammenfassung von 41 Datensätzen mit 24.704 Menschen
fand: Wer dort hoch liegt, berichtet mehr Wohlbefinden und weniger
Belastung. Auch hier stammen alle Daten aus einem einzigen Messzeitpunkt.
Die Forschungsgruppe schreibt selbst, dass die Ursache damit offen bleibt.
Ein Leipziger Befund passt dazu. Eine Max-Planck-Studie verglich
Achtsamkeitsfragebögen mit Stressmessungen. Wer beim Wert „Akzeptanz“ hoch
lag, zeigte eine gedämpfte Cortisol-Reaktion. Wer beim Wert „Beobachten“
hoch lag, zeigte eine stärkere. Auch das ist ein Zusammenhang vor jedem
Training. Ein Wirksamkeitsnachweis ist es nicht.
Wovon es überhaupt Messungen gibt
Nicht-Urteilen wird gemessen Geduld wird nicht gemessen Anfängergeist wird nicht gemessen Vertrauen wird nicht gemessen Nicht-Streben wird nicht gemessen Akzeptanz wird gemessen Loslassen wird gemessen
Drei der sieben haben einen Wert im Fragebogen, zu dem Studien
vorliegen. Bei vier gibt es nichts zu berichten.
Zu Geduld, Anfängergeist, Vertrauen und Nicht-Streben findet sich also so
gut wie nichts. Eine Suche in der Fachdatenbank PubMed liefert dazu jeweils
weniger als zehn Arbeiten. Keine davon genügt dem Maßstab dieser Seite.
Daraus folgt nicht, dass diese Haltungen nichts bringen. Es folgt daraus,
dass niemand sie untersucht hat.
Dazu kommt ein Messproblem. Eine Übersichtsarbeit von 2026 hat 21
Achtsamkeits-Fragebögen geprüft. Ergebnis: Kein einziger erfasst
Gegenwärtigkeit und Haltung in denselben Fragen. Genau dieses Zusammenspiel
macht die sieben aber aus. Die Fragebögen erfassen damit nur einen Teil.