Mythen-Check

Berühmt, aber unbelegt

In Stress- und Resilienz-Seminaren kursieren griffige Bilder, die sich hartnäckig halten – obwohl die Forschung sie längst relativiert hat. Quellen zu prüfen, statt Behauptungen weiterzureichen, gehört für mich dazu.

Mythos

Das „Reptiliengehirn“ übernimmt bei Stress

Was dran ist Das Bild ist eingängig: Es gibt evolutionär ältere und jüngere Hirnregionen, und unter Stress laufen viele Reaktionen sehr schnell und automatisch ab.

Was die Forschung sagt Die Idee vom „dreieinigen Gehirn“ – ein Reptilien-, ein Säugetier- und ein Menschenhirn übereinandergeschichtet – gilt in der Hirnforschung als überholt. Alle Wirbeltiere teilen dieselben Grundstrukturen; ein „Reptilienhirn“, das die Kontrolle übernimmt, gibt es nicht. Stress ist ein Zusammenspiel vieler Regionen, kein Rückfall in ein Urzeit-Gehirn.

Quelle: Cesario, Johnson & Eisthen (2020), Current Directions in Psychological Science

Mythos

Die Stresskurve: etwas Stress steigert die Leistung, zu viel senkt sie

Was dran ist Dass es ein „zu wenig“ und ein „zu viel“ geben kann, ist plausibel – und für einzelne Aufgaben gibt es tatsächlich Hinweise auf einen mittleren, günstigen Anspannungsgrad.

Was die Forschung sagt Die berühmte umgekehrte U-Kurve stammt aus Mäuseversuchen von 1908 zu Reizstärke und Aufgabenschwierigkeit – nicht zu Stress und Leistung beim Menschen. Über Jahrzehnte wurde daraus ein universelles „Gesetz“ gemacht. Die Kurvenform selbst ist damit nicht widerlegt, wohl aber ihre pauschale Übertragung auf jeden Menschen und jede Situation. Auch die beliebte Einzeichnung von „Eustress“ und „Distress“ auf diese Kurve vermischt zwei getrennte Ideen: die Erregungs-Leistungs-Kurve und Selyes Begriffe für gute und schlechte Belastung.

Quelle: Teigen (1994), Theory & Psychology

Mythos

Die „7 Säulen der Resilienz“

Was dran ist Einzelne der genannten Faktoren – etwa Optimismus, soziale Unterstützung oder Selbstwirksamkeit – sind gut erforscht und hängen tatsächlich mit Widerstandskraft zusammen.

Was die Forschung sagt Die „7 Säulen“ sind ein populäres Coaching-Konstrukt, aber kein einheitliches, wissenschaftlich geprüftes Modell – anders als validierte Resilienz-Fragebögen. Es gibt keine feste Quelle und keine Bestätigung der „Säulen“-Systematik als Ganzes; nur die Einzelfaktoren sind belegt.

Quelle: populär geprägt durch Reivich & Shatté, „The Resilience Factor“ (2003) – ohne Modell-Validierung

Mythos

Willenskraft ist wie ein Muskel, der ermüdet

Was dran ist Wir alle kennen das Gefühl, nach einem langen Tag „keine Disziplin mehr“ zu haben – und die Idee war in der Psychologie lange breit akzeptiert.

Was die Forschung sagt In großen, vorab registrierten Wiederholungsstudien ließ sich der Effekt nicht bestätigen; nach Korrektur für Publikationsverzerrung ist er kaum von null zu unterscheiden. Es gibt Gegenkritik an den Methoden – die Debatte ist also offen. Aber der „Muskel“, der zuverlässig ermüdet, ist deutlich schwächer belegt als lange angenommen.

Quelle: Hagger et al. (2016), Perspectives on Psychological Science; Vohs et al. (2021), Psychological Science

Mythos

Die Polyvagal-Theorie erklärt Sicherheit und Stress über den Vagusnerv

Was dran ist Der Vagusnerv und die Herzratenvariabilität sind reale, seriöse Forschungsgegenstände – und dass Gefühle von Sicherheit und Verbundenheit unseren Körperzustand beeinflussen, ist unbestritten.

Was die Forschung sagt Die neurophysiologischen Kernannahmen der Polyvagal-Theorie – eine evolutionäre Hierarchie der Vagus-Äste, der „ventrale Vagus“ als eigenes Sicherheits- und Sozialsystem – gelten unter Fachleuten der autonomen Physiologie als stark umstritten bis wahrscheinlich widerlegt. Porges und Anhänger widersprechen entschieden; die Debatte ist offen. Wichtig: Umstritten ist die polyvagale Deutung, nicht die Herzratenvariabilität als solche.

Quelle: kritisch: Grossman (2023); Grossman et al. (2026); Gegenposition: Porges (2025)

Haltung

Nicht alles entzaubern – ehrlich bleiben

Bei manchen dieser Punkte ist die Debatte nicht abgeschlossen – das sage ich dann auch. Es geht nicht darum, jedes eingängige Bild zu zerstören, sondern darum, den Unterschied zu machen zwischen einer schönen Metapher und einer belegten Aussage.

Genau das unterscheidet einen fundierten Kurs vom Wellness-Versprechen: nicht mehr behaupten, als die Forschung trägt.