Was Resilienz wirklich ist
Manche Menschen bleiben unter großem Druck seelisch gesund. Lange suchte die Forschung nach der Liste ihrer besonderen Eigenschaften. Ein Rahmenmodell aus der Mainzer Resilienzforschung dreht die Frage um - mit einer überraschend einfachen Antwort.
Resilienz ist keine feste Eigenschaft, die man hat oder nicht - sie entsteht als Anpassungsprozess. Und viele Schutzfaktoren wirken über dieselbe Stellschraube: den Bewertungsstil.
Eine Stelle statt einer Liste
Warum helfen so verschiedene Dinge - gute Freundschaften, Sport, Sinnerleben, bewältigte Krisen - alle gegen Dauerbelastung? Weil sie alle dasselbe verändern: wie bedrohlich die Welt erscheint. Diese sparsame Antwort kommt aus der Mainzer Resilienzforschung. Ihre Theorie heißt „Positive Appraisal Style Theory of Resilience“, kurz PASTOR - die Theorie, dass ein günstiger Bewertungsstil der gemeinsame Kern von Resilienz ist. Wer sich getragen weiß und sich etwas zutraut, stuft dieselbe Anforderung seltener als Katastrophe ein - und erlebt dadurch seltener und kürzer Stress. Was hinter dem Schutzfaktor soziale Unterstützung steckt, steht in Warum es zählt, jemanden zu haben.
Gemeint ist kein Zweckoptimismus. Ein günstiger Bewertungsstil schätzt Gefahren ungefähr richtig ein - er übertreibt sie nur nicht systematisch. Schönfärben kippt ins Gegenteil, weil echte Probleme dann unbearbeitet bleiben.
Die Stellschraube ist dieselbe wie im transaktionalen Stressmodell: die Bewertung. Die Theorie erklärt zusätzlich, warum so viele verschiedene Ressourcen an dieser einen Stelle zusammenlaufen.
Was das für den Alltag heißt
Wenn Resilienz ein Prozess ist, lässt sie sich beeinflussen - in jedem Alter. Der Ansatzpunkt ist unspektakulär: bemerken, wie man gerade bewertet. „Ich stufe das als Katastrophe ein - stimmt das?“ Erst dieses Bemerken macht eine Neubewertung möglich, und genau dieses Bemerken wird in der Achtsamkeitspraxis geübt.
Dazu kommt der freundliche Umgang mit sich selbst, wenn etwas misslingt - auch das verändert Bewertungen. Mehr dazu im Artikel über Selbstmitgefühl. Was sonst noch trägt - Bewegung, Schlaf, Kontakte -, steht auf Was sonst trägt Wie aus einer Bewertung eine Stressreaktion wird, beschreibt das Kapitel Was Stress ist
Wie gut belegt ist das?
PASTOR ist ein konzeptueller Rahmen der aktuellen Resilienzforschung - vielzitiert, aus Mainz international weiterentwickelt, mit laufenden Langzeitstudien. Es ist ein Erklärmodell auf der Höhe der Forschung, keine abgeschlossene Beweisführung.
Die Kernannahme - ein positiver Bewertungsstil hängt mit seelischer Gesundheit unter Belastung zusammen - wird von einer systematischen Übersichtsarbeit überwiegend gestützt; die Studienlage ist dabei heterogen, und Längsschnittdaten sind noch rar. Als Gegengewicht zur verbreiteten Vorstellung „Resilienz hat man oder hat man nicht“ ist die Theorie wissenschaftlich gut begründet.
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