Nicht was krank macht - was gesund hält
Die meiste Forschung fragt, was Menschen krank macht. Die Salutogenese dreht die Frage um - und rückt eine Ressource in den Mittelpunkt, die trägt: das Kohärenzgefühl.
Statt zu fragen „Was macht krank?“, fragt die Salutogenese: Was hält gesund - auch unter Belastung? Eine zentrale Antwort ist das Gefühl, dass das Leben verstehbar, handhabbar und sinnvoll ist.
Die drei Bausteine
Gesundheit und Krankheit sind keine Gegensätze, sondern die Enden eines Kontinuums - wir stehen immer irgendwo dazwischen und bewegen uns. Wie gut wir Belastungen verarbeiten, hängt stark vom Kohärenzgefühl ab. Es ruht auf drei Bausteinen:
Was mir begegnet, ist geordnet und nachvollziehbar - nicht bloß chaotisch und willkürlich.
Ich habe Mittel und Unterstützung, um den Anforderungen zu begegnen - ich bin ihnen nicht ausgeliefert.
Es lohnt sich, sich einzusetzen - die Herausforderungen haben für mich eine Bedeutung.
Wo Achtsamkeit ansetzt
Die drei Bausteine beschreiben ziemlich genau, worum es in einem Achtsamkeitskurs geht: den eigenen Stress besser zu verstehen, Möglichkeiten zur Regulation an die Hand zu bekommen (handhaben) und wieder mit dem in Kontakt zu kommen, was einem wirklich wichtig ist.
Diese Entsprechung ist bemerkenswert - sie ist aber kein Nachweis, dass ein Kurs das Kohärenzgefühl erhöht. Das Kohärenzgefühl wächst vor allem aus den Erfahrungen des Lebens und gilt ab dem frühen Erwachsenenalter als vergleichsweise stabil - allerdings weniger, als Antonovsky annahm. In Längsschnittstudien bleibt es vor allem bei denen stabil, die ohnehin hohe Werte haben; bei anderen bewegt es sich mit den Lebensumständen, etwa bei Erkrankung oder beim Wegfall sozialer Unterstützung.
Was daneben Kraft gibt, steht auf Was sonst trägt. Ob und wie lange sich das Kohärenzgefühl anheben lässt, steht unten unter Wie gut belegt ist das?
Wie gut belegt ist das?
Das Kohärenzgefühl gehört zu den am besten untersuchten Gesundheitsressourcen: Eine systematische Übersichtsarbeit über hunderte Studien zeigt einen starken Zusammenhang mit Gesundheit - vor allem mit psychischem Wohlbefinden. Auch mit der Sterblichkeit hängt es zusammen. Acht Langzeitstudien aus der Allgemeinbevölkerung wurden dazu zusammengefasst: 48.138 Menschen, im Mittel 14 Jahre begleitet, 5.307 Todesfälle. Menschen im schwächsten Drittel des Kohärenzgefühls starben in dieser Zeit häufiger als die im stärksten Drittel - um 30 Prozent, wenn nichts weiter herausgerechnet wird, um 26 Prozent nach Herausrechnen des Alters und um 17 Prozent, wenn weitere Risikofaktoren dazukommen. Je genauer gerechnet wird, desto kleiner wird der Abstand. Das ist ein Zusammenhang - kein Beleg dafür, dass das eine das andere verursacht.
Ein Einwand aus der Fachdebatte ist damit nicht ausgeräumt: Fragebögen zum Kohärenzgefühl hängen so eng mit Maßen für Angst und Niedergeschlagenheit zusammen, dass sie womöglich dasselbe erfassen - nur mit umgekehrtem Vorzeichen. Dagegen spricht eine Längsschnittstudie, in der das Kohärenzgefühl die psychische Gesundheit über vier Jahre besser vorhersagte als etablierte Persönlichkeitsmaße; sie umfasste allerdings nur 318 Jugendliche. Dazu kommt eine britische Bevölkerungsstudie mit über 20.000 Teilnehmenden: Sie rechnete Persönlichkeitsmerkmale heraus, dazu Rauchen und sozialen Status - der Zusammenhang blieb. Beides sind einzelne Kohorten, keine Übersichtsarbeiten. Die Frage ist also offen, nicht entschieden.
Und lässt es sich gezielt anheben? Eine Zusammenfassung von 27 randomisierten Studien mit 2.178 Patientinnen und Patienten hat das geprüft - ältere Menschen und chronisch Erkrankte, nicht die Allgemeinbevölkerung. Verglichen wurde mit der üblichen Versorgung. Im ersten Monat lagen die Programmgruppen deutlich vorn, um 0,85 Streuungsschritte; nach ein bis drei Monaten noch um 0,58. Ab dem vierten Monat war kein Unterschied mehr messbar, auch nicht nach einem halben Jahr - die Werte lagen dann bei 0,07 und 0,10, also praktisch bei null. Am besten abgesichert ist das für Programme, die ausdrücklich auf der Salutogenese aufbauen. Kurzfristig lässt sich das Kohärenzgefühl also anheben; dass es so bleibt, ist nicht gezeigt. Wie sich solche Zahlen einordnen lassen, steht in Wie groß ist ein „mittlerer Effekt“?.
Ehrliche Einordnung: Das Kohärenzgefühl erklärt Gesundheit nicht allein - Bildung, soziale Unterstützung und Lebensumstände tragen ebenso bei. Es ist ein starker Faktor, kein Alleskönner.
Randomisiert heißt: Ein Los entscheidet über die Gruppe, nicht die Person selbst. Warum das für die Frage nach der Ursache den Ausschlag gibt, steht in Korrelation und Kausalität.
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