Wenn Arbeit auslaugt
Warum brennt jemand aus, obwohl er seine Arbeit mag? Die Arbeitspsychologie hat darauf zwei gut belegte Antworten: Es kommt auf das Verhältnis an - von Anforderungen zu Ressourcen, und von Verausgabung zu Anerkennung.
Nicht die Menge an Arbeit allein macht krank - kritisch wird es, wenn hohe Anforderungen dauerhaft auf zu wenige Ressourcen treffen. So beschreibt es das Job-Demands-Resources-Modell. Oder wenn viel Verausgabung auf zu wenig Anerkennung trifft.
Die Gratifikationskrise
Das zweite Modell schaut auf den Tauschhandel, der in jeder Arbeit steckt: Ich gebe Einsatz - ich bekomme etwas zurück. Zurückkommen können Gehalt, Wertschätzung, Sicherheit und Aufstiegschancen. Gerät dieser Tausch dauerhaft aus dem Gleichgewicht, sprechen Forschende von einer Gratifikationskrise: viel geben, wenig zurückbekommen.
Die Folgen sind messbar und gehen über das Gefühl hinaus: In einer Auswertung von elf europäischen Langzeitstudien mit gut 90.000 Beschäftigten hatten Menschen mit Gratifikationskrise ein um etwa 16 Prozent erhöhtes Risiko für eine koronare Herzkrankheit - unabhängig davon, ob zugleich hohe Anforderungen bei wenig Spielraum vorlagen. Das heißt nicht, dass 16 von 100 erkranken. Es heißt: Wo sonst 100 Menschen erkranken, sind es in dieser Gruppe 116. Kamen beide Belastungen zusammen, lag das Risiko rund 40 Prozent höher.
Wenn Aufmerksamkeit knapper wird
Hohe Anforderungen und häufige Unterbrechungen betreffen nicht nur das Wohlbefinden. Unter starker oder anhaltender Belastung kann es schwerer werden, Wichtiges zu priorisieren, Fehler zu kontrollieren und das eigene Vorgehen flexibel anzupassen. Aufmerksamkeit ist deshalb auch eine Voraussetzung dafür, unter Last handlungsfähig zu bleiben. Mehr dazu: Was ist Aufmerksamkeit?
Zwei Ebenen, ehrlich getrennt
Diese Modelle machen etwas Wichtiges klar: Arbeitsstress hat eine strukturelle Seite. Zeitdruck, fehlender Spielraum und ausbleibende Anerkennung sind Arbeitsbedingungen - sie gehören dorthin, wo Arbeit gestaltet wird: in Teams, Führung, Organisation. Auch Burnout ist in der ICD-11 an diese Seite gebunden: Alle drei Kennzeichen beziehen sich auf die Arbeit.
Daneben gibt es die persönliche Seite, und dort setzt Übung an: die eigenen Verausgabungsmuster früher bemerken („ich sage wieder zu allem Ja“), Pausen zu echten Pausen machen, Erholung ernst nehmen. Achtsamkeit hilft auf dieser zweiten Ebene - schlechte Arbeitsbedingungen repariert sie nicht.
Genau hier setzt ein Einwand an, der unter dem Stichwort McMindfulness läuft. Ronald Purser hat ihn 2019 in einem Buch dieses Titels zugespitzt: Achtsamkeit werde in Unternehmen eingesetzt, um Menschen an Verhältnisse anzupassen, die man besser ändern würde. Wer nach einem Kurs ruhiger auf Überlastung reagiert, stellt womöglich keine Fragen mehr an die Überlastung selbst.
Der Einwand trifft eine Praxis, nicht die Übung. Er trifft dort, wo ein Kurs angeboten wird statt etwas an den Bedingungen zu ändern - und wo Stress als persönliches Defizit behandelt wird, obwohl die beiden Modelle oben etwas anderes sagen. Deshalb stehen die zwei Ebenen hier getrennt. Keine ersetzt die andere. Die Grundlagen dazu, was im Körper passiert, stehen auf Was Stress ist Das Kapitel Warum es nicht aufhört zählt die Verhältnisse zu dem, was eine Anspannung dauerhaft macht.
Wie gut belegt ist das?
Beide Modelle gehören zu den am besten untersuchten der Arbeitspsychologie. Das Job-Demands-Resources-Modell ist in hunderten Studien quer durch Branchen geprüft. Für die Gratifikationskrise wurden Menschen über Jahre begleitet. Wer sie erlebte, bekam in dieser Zeit häufiger eine Herzerkrankung oder eine Depression. Gezählt wurden also Erkrankungen, nicht nur Fragebogenwerte.
Ehrliche Grenzen: Es sind Beobachtungsdaten - Menschen lassen sich nicht zufällig auf gute und schlechte Jobs verteilen. Die Risikoerhöhung von 16 Prozent ist zudem moderat, beschreibt Gruppen und keine Einzelnen - und sie liegt knapp an der statistischen Nachweisgrenze. Deutlicher wird das Bild erst, wenn Gratifikationskrise und hohe Anforderungen bei wenig Spielraum zusammenkommen. An der Gesamtrichtung ändert das wenig: Das Verhältnis von Geben und Bekommen ist eine Gesundheitsfrage.
Ein Befund betrifft die Zeit. Zwei Auswertungen von Längsschnittstudien - 74 Studien bei Lesener u. a. (2019), 48 Studien mit 26.319 Beschäftigten bei Guthier u. a. (2020) - zeigen, dass sich Anforderungen und Erschöpfung gegenseitig hochschaukeln. Auffällig ist die Richtung: Der stärkere Weg führt von der Erschöpfung zurück zur Belastung. Wer erschöpft ist, empfindet dieselbe Arbeit als schwerer. Das erklärt, warum Belastung so selten von allein aufhört - und warum umgekehrt eine einzelne geschützte Ressource mehr bewirken kann, als ihre Größe vermuten lässt. Ausermittelt ist die Frage damit nicht; die Forschenden schreiben selbst, dass die Wechselwirkung weitere Prüfung braucht.
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